Andreas Busche
 |
© Fotos: Matt Groening/Fox |
Es dauert einige Minuten, bis der Simpsons-Film vom gewohnten Fernsehformat zu CinemaScope wechselt, dem Format, das diese Serienfamilie schon immer verdient hatte. Denn die Simpsons sind, bei aller vermeintlichen Bodenständigkeit, längst larger than life: ein Massenphänomen, das die Begrenzungen des Bildschirms sprengt, die Verkörperung des american way of life in all seinen absonderlichen, durchaus auch hässlichen Eigen- und Abarten. Gleichzeitig sind sich die Simpsons-Macher der Herkunft ihres ersten Kinofilms jederzeit bewusst; einmal läuft sogar ein Nachrichtentelex ihres Haussenders Fox durchs Bild, eine selbstironische Note, vielleicht aber auch der uneingestandene Versuch, diesem ungewohnten Terrain, dem Kino, wieder einen vertrauten Rahmen zu geben.
Auch für den fernsehsozialisierten Fan ist es eine ganz neue Erfahrung, ein anderes zeitliches Erleben sozusagen, den Simpsons 88 Minuten lang – drei Serienfolgen am Stück – beim Zertrümmern und anschließenden Neuzusammensetzen (dann allerdings etwas unorthodox, so wie eben auch Homer versucht, ein Puzzle mit dem Hammer zusammenzufügen) der amerikanischen Werte zuzusehen. Plot, Rhythmus, Tempo, Struktur – das alles hat nichts mehr mit den generischen Formeln der Sitcom zu tun, die die „Simpsons“ selbst ja oft genug ignoriert haben. Und trotzdem entwickelt der Simpsons-Film diesen ureigenen, Simpsons-typischen Groove – nur viel länger, ausdauernder und, das ist ein kleines Wunder, nicht minder atemlos.
Schon in den ersten Minuten klärt sich übrigens schnell die Ursache des ominösen Atomschlags aus dem Kinotrailer, der Fans monatelang zu wildesten Spekulationen herausgefordert hatte (Homer löst den Dritten Weltkrieg aus?). Auch eine hübsche Analogie: Im Simpsons-Film ist es wie im wirklichen Leben. Es kommt immer etwas anders, als man denkt.
Die Selbstreflexivität des Films zieht sich bis auf die Handlungsebene durch. Die Simpsons – Der Film neigt zu ganz grundsätzlichen Erkenntnissen, wenn Springfield, die Heimatstadt der Familie, wegen jahrelanger Umweltverschmutzung schließlich per präsidialem Dekret – Arnold Schwarzenegger! – mit einer Riesenkuppel, einer Art biodome, versiegelt wird. (Den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, liefert natürlich Homer, als er das Jauchesilo seines neues Hausschweins heimlich entsorgt.) Für die Hermetik des Simpsons-Universums könnte es kein ikonischeres Bild geben. Amerika unter einer Käseglocke. Das ist natürlich auch ein bissiger Seitenhieb auf Bushs Umweltpolitik. Lisas Schulvortrag über den Klimawandel trägt in Anlehnung an Al Gore den vielsagenden Titel „The Irritating Truth“.
Groenings Entscheidung für CinemaScope hat neben dem Gimmickhaften aber auch durchaus pragmatische Gründe. Das Breitwandformat ist prädestiniert für die Detailverliebtheit seiner Autoren und Zeichner, denen die Enge der Fernsehbilder immer gewisse Beschränkungen auferlegt hat. Der Simpsons-Film nutzt den neu gewonnenen Raum nun auf geniale Weise; Groening und sein Team bedienen sich der vollen Bildbreite für ihre unzähligen versteckten Anspielungen und Gags – auch da, wo das Fernsehbild nicht hinreicht. So scheint der panoramische Blick der Simpsons auf Amerika ausgerechnet im Kino seine ideale Form gefunden zu haben.
Der Transfer der Simpsons auf die große Leinwand wurde bravourös gemeistert. Matt Groening und sein Team nutzen das große Format, um ein Feuerwerk intelligenter Gags zu entzünden.
The Simpsons Movie
USA 2007. R: David Silverman. B: Matt Groening, James L. Brooks (nach der TV-Serie „The Simpsons“). P: Richard Sakai, Mike Scully. M: Hans Zimmer. T: Gwendolyn Yates Whittle. Animation: Ivaylo Anguelov, Moon Choi, Rick Farmiloe. Pg: Fox/Akom/Gracie. V: Fox. L: 87 Min. FSK: 6, ff.
Siehe auch unseren Essay zur Fernsehserie
epd Film 8/2007
Start: 26.7. (D, A, CH)


epd Film Abonnement
© epd Hinweis zum Urheberrecht