von Jörg Buttgereit
Death Proof ist der erste Teil eines Projekts, das von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez als Hommage an die Doppelprogramme in den Billigkinos der siebziger Jahre geplant war. Der Autor und Regisseur Jörg Buttgereit ist den beiden gefolgt – auf dunklen Wegen, die selbst Cineasten nicht zu gehen wagen.
Quentin Tarantino und Robert Rodriguez bringen ihre neuen Filme Death Proof und Planet Terror unter dem Signum „Grindhouse“ auf den Markt. Dabei geht es den beiden befreundeten Hollywood-Outlaws nicht nur um den Film oder ein mehr oder weniger diffuses Genre, sondern vielmehr um den Ort, den schmierigen Kinosaal und das Gemeinschaftserlebnis des Filmeguckens. Wobei mit Film tatsächlich Filmmaterial, also Zelluloid oder Polyester, gemeint ist. Denn die Videokassette war noch nicht erfunden, als das Kino, das die beiden Regisseure meinen, seine seltsamen Blüten trieb.
Quentin Tarantino ist ein Dieb. Aber ein meisterhafter. Denn er stibitzt gekonnt bei Filmen, die seine Kritiker zumeist nicht kennen. Das lässt ihn manchmal gar wie einen ambitionierten Aufklärer erscheinen. Dieses Mal scheint der einstige Liebling des Feuilletons mit seiner Huldigung an das Schmuddelkino der siebziger Jahre allerdings zu weit gegangen zu sein. Tarantino wird nicht mehr verstanden. Das war bei seinem postmodernen, mit Hollywood-Millionen aufgemotzten Zitatenfilm Kill Bill noch anders. Für die am Arthouse-Kino geschulten Cineasten waren die Kill-Bill-Folgen wie ein dreistündiger Nachhilfeunterricht im asiatischen Action-Kino: so etwas wie „Die Sendung mit der Maus“ für Filmkunstfreunde, die vordem mit den asiatischen Originalen, mit Sonny Chiba, Bruce Lee oder Meiko Kaji, bei denen Tarantino ziemlich schamlos geklaut hat, nicht viel am Hut gehabt hatten.
Mit Death Proof wagt sich Tarantino nun so nah ans Original, dass allenfalls noch „echte“ Genrefans zu ihm halten; hier wird keine Gebrauchsanweisung mehr mitgeliefert. Das ist gefährlich. Der ehemalige Videothekenangestellte ist wieder da angekommen, wo seine Liebe fürs Kino entbrannte. Beim Schmuddelfilm. Um Death Proof so ungefiltert genießen und begreifen zu können, muss man sich schon einen relativ sorglosen Umgang mit genau den Filmen, vor denen Medienpädagogen seit Jahrzehnten erfolgreich warnen, zu eigen gemacht haben.
Zudem frönt Tarantino im digitalen Zeitalter hemmungslos seiner Sehnsucht nach zerschlissenem Zelluloid. Nostalgisch beschwört er ein rohes und vielleicht sogar gefährliches Kinoerlebnis; er organisiert eine Zeitreise in die verpönte Kinokultur der siebziger Jahre. Wir sitzen in einem heruntergekommenen Kino in der New Yorker 42nd Street oder in einem Autokino in der amerikanischen Provinz und sehen eine schon hunderte Male durch den Projektor geschrammte Filmkopie. Neben einheimischen Produktionen wie Frankensteins Todesrennen (Paul Bartel, 1975) aus der Talentschmiede von B-Film-Produzent Roger Corman entdeckte damals eine ganze Generation von amerikanischen Kinogängern auch den europäischen Exploitationfilm. Gualtiero Jacopettis reißerische Pseudodokumentationen wie Mondo Cane (Italien, 1962) oder Addio, Onkel Tom! (Italien, 1971) fanden ebenso ein Zuhause im Grindhouse wie Jess Francos verspielte Sexfilme Barbed Wire Dolls (Frauengefängnis, Schweiz, 1975) oder Greta – The Torturer (Greta – Haus ohne Männer, Schweiz, 1977). In den Autokinos, den sogenannten Drive-ins, liefen vor zumeist jugendlichen Zuschauern in der Regel zwei Filme im Doppelprogramm. Dem Publikum war oft gar nicht so wichtig, was da auf der Leinwand zu sehen war. Hauptsache, die Freundin bekam Angst. Denn die Jungs wollten in der Intimität des ersten eigenen Autos ihren Arm schützend um sie legen und knutschen. Konsequenterweise liefen Death Proof und Planet Terror in den USA denn auch in dramaturgisch gerafften Versionen als Doppelprogramm im Kino. Da aber die Orte für solche „Double Bills“ nicht mehr existieren, ging auch das mutige Marketingkonzept nicht auf. Der Doppelpack floppte gegen alle Erwartungen an der Kinokasse. Viele Zuschauer liefen einfach schon nach dem ersten Film aus dem Multiplex und beschwerten sich obendrein noch über den schlechten Zustand der Filmkopie. Der deutsche Verleih Senator zieht daraus seine Konsequenzen und startet beide Filme zeitversetzt in längeren Fassungen einzeln in den deutschen Kinos. In der Werbung übernahm man Farbgebung und Stil der Kill-Bill-Kampagne.
Auf die eigens für die Pause im amerikanischen Doppelprogramm produzierten Filmtrailer zu fiktiven Trash-Werken wie den blutigen Slasher Thanksgiving von Hostel-Regisseur Eli Roth oder Werewolf Women of the SS von Rockmusiker und Devil’s Rejects-Regisseur Rob Zombie wird das deutsche Kinopublikum deshalb wohl verzichten müssen. Rob Zombie huldigt mit seinem Trailer dem 1975 entstandenen Nazi-Exploitationfilm Ilsa – She Wolf of the SS von Don Edmonds. Konfrontiert man sich heute mit einem geschmacklosen Werk wie dem ersten Teil der Ilsa-Serie, wird schnell klar, dass (entgegen dem allgemeinen Tenor moralisierender Sittenwächter) die Medienentwicklung nicht linear auf maximale Gewalttätigkeit zusteuert – es ist schwer vorstellbar, dass man heute einen so unappetitlichen Film über eine sadistische und sexbesessene Konzentrationslagerkommandantin produzieren könnte, ohne einen Aufschrei der Entrüstung auszulösen.
Seine deutsche Entsprechung fand das sehr amerikanische Phänomen des Drive-in vielleicht im Bahnhofskino der Großstädte. In diesen deutschen Grindhouses, schmierigen Filmpalästen mit klebrigem Fußboden und durchgesessenen Bestuhlungen, liefen bei durchgehendem Einlass nonstop Kung-Fu-, Horror- und Sexfilme als Endlosschleife. Hier saß man neben Reisenden, die Zeit totzuschlagen hatten und der Kälte des Bahnhofs für einige Stunden entfliehen wollten, denen es also nicht vordringlich um ambitionierten Filmgenuss ging. Nur eine Gehminute vom Drogenstrich am Berliner Bahnhof Zoo tummelten sich Mitte der Siebziger im „Olympia am Zoo“ die Knochenbrecher, Bronzekämpfer und Bruce-Lee-Doppelgänger wie Bruce Li, Bruce Lai und Bruce Le aus Hongkong. Für ein paar Mark Eintritt konnte man von mittags bis nach Mitternacht nonstop rasante Fließbandprodukte wie Bruce Lee gegen Supermänner (Hongkong, 1975) oder Die fliegende Guillotine (Hongkong, 1975) auf sich einprasseln lassen. Ein Angebot, das auch für viele Obdachlose reizvoll war. Ins stets geheizte Olympia konnten sie mit ihrem Hab und Gut in Plastiktüten für gut zwölf Stunden einziehen und sich mal so richtig ausschlafen. Dass man rauchen, essen und trinken durfte, versteht sich von selbst.
Interessanterweise wurde im Bahnhofskino aber auch das etwas derbere Kunstkino gezeigt, das den Ansprüchen der „Raincoat Crowd“ – die ominösen Herren in dunklen Regenmänteln, die mit hochgestelltem Kragen und tief ins Gesicht gezogenen Hüten aus dem Pornofilm huschen – gerecht wurde. Denn die Arthouse-Klassiker der Siebziger wie Marco Ferreris ungezügelter Film Das grosse Fressen (1973), Liliana Cavanis Nachtportier (1974) mit Charlotte Rampling, Andrzej Zulawskis Nachtblende (1975) mit der blutverschmierten Romy Schneider oder selbst Pasolinis Salò – Die 120 Tage von Sodom (1975) hatten genügend Exploitation-Potenzial, um auch als skandalöse Sex- und Gewaltfilme vermarktet zu werden.
Projekte wie der unverfilmt gebliebene Ilsa Meets Bruce Lee in the Devil’s Triangle machen deutlich: Im Grindhouse war alles möglich. Tarantino und Rodriguez haben diesen Zynismus nicht erfunden, sie suhlen sich nur wie zwei verwöhnte, ungezogene Kinder darin. Dass sich die Zeiten geändert haben, mussten die beiden Filmfreunde mit dem Misserfolg ihres Doppelprogramms auf schmerzhafte Weise erfahren. Nach weltweiten Erfolgen mit Pulp Fiction, Kill Bill oder Sin City hatten sie Carte blanche, konnten machen, was sie wollen. Jetzt wird das Deck neu gemischt. Robert Rodriguez wird mit Sin City 2 weitermachen wie bisher. Doch bei Tarantino steht viel auf dem Spiel. Man darf gespannt sein, ob und wie er sich aus dem Sumpf des Schmuddelfilms befreien will. Vor allem aber stellt sich die Frage: Wird er konsequent bleiben und die DVD-Veröffentlichung von Death Proof mit Bildzusammenbrüchen und Video-Drop-Outs garnieren, wie wir sie von den „Video Nasties“ aus den alten Zeiten der analogen VHS-Kassette kennen?
Death Proof – Todsicher von Quentin Tarantino ist bereits am 19.7. angelaufen; Robert Rodriguez zieht erst im Oktober mit Planet Terror nach.
epd Film 8/2007


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