von Andreas Busche
Cartoonserien im Fernsehen waren früher nicht gerade das, womit verständige Menschen ihre freie Zeit verbrachten. Bis Matt Groening 1989 die „Simpsons“ erfand. Die Serie um eine butterblumengelbe amerikanische Arbeiterfamilie wuchs sich zu einem Kultphänomen aus, brachte inzwischen achtzehn Staffeln hervor – und kein Ende in Sicht. Jetzt kommt der erste Kinofilm zur Serie heraus. Rückblick auf die Schicksalsjahre eines Chaos-Clans.
Generation X, Generation Golf, Generation Praktikum – griffige Schlagworte, die versuchen, aus den politischen, ökonomischen oder kulturellen Besonderheiten unserer Zeit teilgesellschaftliche „Erfahrungskollektive“ zu konstruieren, sind immer schnell zur Hand. Nennen wir doch also die Menschen, die heute zwischen Anfang zwanzig und Mitte dreißig sind, einfach mal: die Simpsons-Generation. Am 17. Dezember 1989, zwei Jahre vor der deutschen Fernsehpremiere, lief in Amerika die erste eigenständige Folge von Matt Groenings Cartoonserie „The Simpsons“ an. Für Rupert Murdochs damals noch jungen Sender Fox TV bedeutete die Serie nicht nur den längst überfälligen Durchbruch auf dem hart umkämpften amerikanischen Fernsehmarkt; die „Simpsons“ sollten auch innerhalb weniger Jahre – und kaum zufällig nahezu zeitgleich mit den ersten Bemühungen des Popmagazins „Spex“, die akademische Disziplin der Cultural Studies im deutschsprachigen Kulturraum zu etablieren – einen nachhaltigen Einfluss auf die Populärkultur ausüben.
Groenings gelbe Helden warfen einige unumstößliche Gewissheiten über die Qualität von Zeichentrickserien und das Fernsehen an sich über den Haufen – „Subversion zur Prime-Time“ lautet etwa der Titel eines Simpsons-Readers im Schüren Verlag. Sie begründeten ein Multi-Milliarden-Dollar-Franchise mit Spielzeugfiguren, T-Shirts, Kaffeetassen, Fast-Food-Menüs, Top-Ten-Hits und allem, worauf sich der Name Simpsons sonst noch drucken ließ. Und sie prägten die Alltagssprache von Millionen von Menschen in aller Welt; Homer Simpsons Ausruf „D'oh!“ – in der deutschen Synchro das berühmte „Neeeeeein!“ – fand sogar Eingang ins Oxford English Dictionary. Heute läuft die Serie in über vierzig Ländern.
Wer Anfang der Neunzigerjahre sieben oder acht Jahre alt war, ist zwangsläufig mit den Simpsons sozialisiert worden. Es gab kein Entrinnen. Die gelben Köpfe gehörten zum Alltag, waren überall anzutreffen: im Fernsehen, in Magazinen, in der Werbung. Nachdem das ZDF mit den ersten drei „Simpsons“-Staffeln Vorarbeit geleistet hatte, strahlte Pro7 zeitweise bis zu vier Folgen am Tag aus, hübsch versteckt im Nachmittagsprogramm. Darum dauerte es bei manchen auch etwas länger, bis sie die Simpsons für sich entdeckten. Die allgegenwärtige Simpsons-Ikonografie war in Deutschland lange ins kollektive Bewusstsein gesickert, bevor die Serie mehrheitsfähig wurde und erwachsene Menschen sich als bedingungslose Simpson-Fans outeten. Im Abendprogramm liefen die Simpsons erst Jahre später, als Novelty-Act zwischen Stefan Raab und „Quatsch Comedy Club“. Vom sektiererischen Kult der Bescheidwisser und Geeks aus den Anfangstagen, maßgeblich unterstützt durch die erratische Programmpolitik von ZDF und Pro7, ist heute nichts mehr geblieben. Die Simpsons sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wo sie eine singuläre Rolle einnehmen.
Affirmation durch Negation – damit jubelt Groening, der sich selbst einmal als „Polit-Hippie“ bezeichnete, seit Jahren einem Massenpublikum sein anarchistisches Gedankengut unter. Denn was immer in einer 23-minütigen Folge auch geschieht, man kann sich sicher sein, dass die Simpsons am Ende wieder friedlich vereint vor der Glotze hocken. Die Simpsons, die zur ersten regelrechten Welle proletarischer Helden im amerikanischen Fernsehen gehörten, verfassen sozusagen ihre eigene Gegenkultur. Jeder Ausbruch aus den gesellschaftlichen Konventionen hält eine Vielzahl von neuen Optionen bereit – auch die auf Rückzug in die kleinbürgerliche Behaglichkeit. Allerdings nur unter radikal veränderten Bedingungen. Ganz zu Anfang entblödete sich George Bush senior, damals noch in seiner Funktion als amerikanischer Präsident, nicht, öffentlich kundzutun, dass er sich eine Gesellschaft mehr nach dem Modell der biederen Depressionsfamilie Waltons anstelle der Simpsons wünsche. Groenings Replik war in einer Episode der Simpsons zu hören; in einer späteren Folge prügelten sich Homer und sein kurzzeitiger Nachbar Bush sogar in einem unvergesslichen „Celebrity Deathmatch“. Bush den Älteren aber hat die Geschichte fast vergessen, während in Amerika soeben die 18. Staffel der Simpsons zu Ende gegangen ist. Und ein Ende ist vorerst nicht in Sicht.
Ende Juli nun startet weltweit der erste Simpsons-Kinofilm, und wer immer noch glaubt, dass allein kommerzielles Kalkül hinter der Entscheidung stecke, die Simpsons nach achtzehn Jahren auf die große Leinwand zu bringen, hat nichts begriffen. Auch wenn die bisherigen Umsätze des Simpson-Franchises eher nach dem Budget für eine Flotte Flugzeugträger klingen als nach einem kulturellen Phänomen, lassen sich die Simpsons an kommerziellen Maßstäben nicht mehr messen. Sie werden längst zum Weltkulturerbe gezählt. Den Machern hinter der Serie – Groening, den Produzenten Al Jean und James L. Brooks bis hinunter zum kleinsten Gagschreiber – ist diese Verantwortung wohl bewusst. Sie wissen, dass ein uninspirierter Kinofilm die Simpsons viel Kredit kosten könnte. Denn Simpsons-Fans sind ähnlich wie die Fans von Harry Potter oder J. R. R. Tolkien: obsessiv, bedingungslos treu, protektiv bis aufs Blut – eine verschworene Ersatzfamilie. Die darf man nicht enttäuschen. Und genau deswegen hat es achtzehn Jahre gedauert, bis man die Zeit für reif befand, sich dem Projekt „Simpsons-Film“ zu widmen.
Rechtliche Umstände spielten auch eine Rolle. 1998 streikten die Originalsprecher der Serie, um eine Gehaltserhöhung gegenüber der 20th Century Fox zu erzwingen. Im April 2004 verschärfte sich der Disput erneut, konnte durch Einlenken der Fox aber wieder abgewendet werden. Die neu ausgehandelten Verträge erlaubten den Hauptsprechern Dan Castellaneta, Julie Kavner, Nancy Cartwright, Yeardley Smith, Hank Azaria und Harry Shearer, die meist mehreren Figuren ihre Stimmen leihen, nun auch neben den laufenden Arbeiten an der Serie an einem Simpsons-Film mitzuwirken. Mehr noch, die Simpsons-Produzenten erhandelten sich laut „New York Times“ die Freiheit, ein ausgearbeitetes Drehbuch komplett zu verwerfen, wenn sie am Ende nicht hundertprozentig hinter der Idee stehen würden. Der Name „Simpsons“ ist ein Gütesiegel, das nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden darf. 2003 begannen die Arbeiten am Drehbuch, und man darf davon ausgehen, dass noch drei Tage vor der Premiere die letzten Gags umgeschrieben werden.
Das Phänomen Simpsons ist ebenso schwer zu erklären wie der beispiellose Erfolg der Serie quer durch alle Altersgruppen. Groening hat mit Springfield, der Heimatstadt der Simpsons, einem Ort, an den sich Präsidenten auf ihr Altenteil zurückziehen, weil das Interesse an Politik nirgends geringer ist, einen in sich geschlossenen, beispielhaft „durchschnittsamerikanischen“ Mikrokosmos entworfen. „Die Simpsons”, das ist Amerika durch ein Prisma beobachtet, mit einem Prachtexemplar von All American Family. Der faule, unterbelichtete Vater Homer, der Donuts essend seine Schichten im örtlichen Atomkraftwerk schiebt. Zwei Kinder im Grundschulalter, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten: der ewige Rebell Bart und die intellektuelle Lisa. Die gute Seele des Hauses, Marge, die mit aller Kraft die Familie zusammenzuhalten versucht und dabei das unerreichbare Ziel „Mittelstand“ nie ganz aus den Augen verliert. Und natürlich das ewige Baby Maggie. Keiner der Springfield-Einwohner ist in den letzten achtzehn Jahren auch nur um einen Tag gealtert, im Gegensatz zu den vielen Fans, die mit den Simpsons groß geworden sind und für die die Gelben in jedem Lebensabschnitt etwas Anderes bedeutet haben.
Wenn man es aber ganz genau nimmt, sind die Simpsons durchaus mit ihren Fans gewachsen. Denn natürlich waren die Simpsons immer auch eine Reaktion auf ihr jeweiliges Amerika. Und so hat sich mit jeder neuen Legislaturperiode, jedem Polit- und Medienskandal, jedem kulturellen Großevent, jeder kurzlebigen Poperscheinung und überhaupt jeder seismischen Zuckung in der Befindlichkeit der amerikanischen Nation eine neue paläontologische Schicht im Universum der Simpsons, das auch so etwas wie ein Archiv des coolen Wissens im 20. Jahrhundert darstellt, angelagert. Wie cool das Wissen der Simpsons eigentlich ist, zeigt ein kurzer Blick auf die Liste der Cameos von Celebrities und Bands, die in der Serie sich selbst gesprochen oder ihre eigenen Songs gesungen haben: Michael Jackson, Thomas Pynchon, James Woods, John Waters, Tony Blair, Mel Gibson, Kim Basinger, The Ramones, Cypress Hill, The Smashing Pumpkins, Sonic Youth, Aerosmith, The White Stripes, The Red Hot Chili Peppers, die Stones und sogar Stephen Hawking mit seinem Sprachcomputer, um nur einige zu nennen.
Bemerkenswert daran ist nicht einmal so sehr, dass ernst zu nehmende Wissenschaftler, Staatsoberhäupter und eremitische Literaten sich für solche Sperenzchen hergeben, sondern welches dichtes intertextuelles Netzwerk aus Anspielungen, Zitaten und Verweisen aus Pop, Politik und Medien Groening und sein Autorenteam entwickelt haben. „Die Simpsons“ funktionieren wie ein äußerst elaboriertes Zettelkastensystem. Fast jeder Gag verweist auf einen neuen Bezugsrahmen, der seinerseits weitere Zusammenhänge triggert. „Ewiges laterales Apropos“ hat Diedrich Diederichsen diese unendlichen Gänseblümchenketten aus verkürzten Sinneinheiten und Informationsbrocken bei den Simpsons einmal genannt. Das Tolle aber ist, dass sich niemand ausgeschlossen fühlen muss. Wer eine der unzähligen versteckten Anspielungen mal nicht versteht, kann sich immer noch über die physical comedy oder den absonderlichen Surrealismus mancher Folgen wundern. Man merkt der Serie an, wie viel Liebe Groening und sein Team in ihre Ausarbeitung investieren. Sechs Monate soll die Produktion einer Episode im Schnitt dauern; die Kosten liegen bei einer Million Dollar.
Wer sich einen solchen Status der Unantastbarkeit erarbeitet hat, macht sich mit einem Schritt, wie ihn Groening und sein Team nun mit Die Simpsons – Der Film wagen, natürlich angreifbar. Nötig hätte es keiner von ihnen mehr – weder finanziell, noch um sich oder irgendjemandem etwas zu beweisen. Was bleibt, ist die Herausforderung. Gegen Ende der Neunzigerjahre wurde unter Fans erstmals die Kritik laut, dass den Machern der Serie langsam die Ideen ausgingen. Das Konzept schien sich ausgereizt zu haben, die Handlungen wurden immer schematischer, die Gags vorhersehbarer. Inzwischen sind neue Autoren zum Team dazugestoßen, die selbst mit den Simpsons groß geworden sind und für die nun ein Jugendtraum wahr geworden ist. Seitdem haben die Simpsons zu ihrer alten Stärke zurückgefunden. Auch die Qualitätskontrollen sind strenger geworden. So kann es passieren, dass ein Gag im dreißigsten Testlauf doch noch aus dem Drehbuch fliegt.
Groß muss der Film werden, das ist allen Beteiligten klar, größer als die Summe aller Episoden sozusagen (darum kommt er auch im CinemaScope-Format in die Kinos). Produzent Al Jean versprach kürzlich in der „New York Times“, dass The Simpsons Movie nicht bloß wie eine aufgeblasene Episode mit einer losen Aneinanderreihung von Gags aussehen würde. Sie wollen weiterhin die Vorhut im Zeichentrick darstellen. Und die Simpsons haben noch jede Konkurrenz überlebt. Konkurrenz, die nicht zuletzt erst durch den eigenen Erfolg ermöglicht wurde. Im vergangenen Jahrzehnt gab es eine regelrechte Welle von Zeichentrickserien, die das Genre vom Stigma der Kinderunterhaltung befreiten. „King of the Hill“ (1997) vom „Beavis and Butthead“-Erfinder Mike Judge zum Beispiel, eine liebevolle Satire über das Leben in Suburbia und über Coming-of-Age-Probleme, die in ihrer Lakonie den Filmen Wes Andersons in nichts nachsteht. Oder Nickelodeons „Ren & Stimpy“ (1991 bis ‘96) über einen cholerischen Chihuahua und eine zurückgebliebene Katze, die für Kinder nur bedingt zu empfehlen ist, aber zum Absonderlichsten und Besten gehört, was das Fernsehen in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Und natürlich „South Park“, mit deren Kinoversion die Macher Matt Stone und Trey Parker den Simpsons einige Jahre zuvorkamen. „Futurama“, Groenings andere Zeichentrickserie, wurde 2003 nach nur fünf Staffeln eingestellt, soll im kommenden Jahr aber auf dem Sender Comedy Central endlich fortgesetzt werden.
Es gibt auch direkte Nachahmer: Seit 1999 läuft in Amerika mit großem Erfolg die Serie „Family Guy“ um eine derangierte Mittelklassefamilie, deren Personal offensichtlich an die Simpsons angelehnt ist. „Family Guy“ bedient sich ähnlicher Typisierungen und Riffs auf die amerikanische Pop- und Konsumkultur, hat im Laufe der bisher sechs Staffeln aber durchaus ein eigenes Profil entwickelt. Inzwischen gibt es nicht wenige Fans, die die Griffin-Familie den Simpsons sogar vorziehen. Die Serie „Happy Tree Friends“ dagegen ist zweifellos von den Cartoons um „Itchy & Scratchy“ inspiriert, die innerhalb der „Simpsons“ inzwischen einen fast autonomen Status erlangt haben. Die einzelnen Episoden von „Happy Tree Friends“ dauern nicht länger als drei Minuten, und immer geht es darum, dass niedliche Kuscheltiere auf äußerst heftige Art und Weise ums Leben kommen. Dabei legen die Macher eine Originalität und Detailliebe an den Tag, die mitunter selbst die Splatterexzesse von „Itchy & Scratchy“ in den Schatten stellen.
Diese Entwicklung im Zeichentrickbereich ist auch an den Simpsons nicht folgenlos vorübergegangen. Gleichzeitig funktionieren die Simpsons immer noch nach ihren eigenen Gesetzen, sind nichts und niemandem verpflichetet außer ihren Fans. Und die werden vorerst noch bei der Stange gehalten, denn die Produktion des Kinofilms verläuft unter größter Geheimhaltung. In unregelmäßigen Abständen veröffentlicht das Studio Trailer, in denen Fans wie im Kaffeesatz nach Hinweisen auf die Handlung des Kinofilms lesen. Die Gerüchteküche in den Fanforen brodelt. Als sicher gilt bislang, dass Springfield einer Umweltkatastrophe zum Opfer fällt, an der Homer nicht ganz unschuldig ist. Ein wütender Mob marschiert auf das Haus der Simpsons zu, riesige Schatten schieben sich über Springfield, die amerikanischen Atomraketenarsenale werden gezündet. Die Simpsons – ein Katastrophenfilm. (Am Ende der 18. Staffel musste bereits CTU-Agent Jack Bauer aus der Serie „24“ eingreifen, um einen terroristischen Schülerstreich zu verhindern)
Man kann davon ausgehen, dass Matt Groening sich für seinen Film noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen wird. In der Science-Fiction-Serie „Futurama“ mussten sich seine prominenten Gastsprecher damit abfinden, dass sich ihre Cameos auf einen konservierten Kopf im Einmachglas beschränkten. Im Simpsons Movie wird es unter anderem eine Szene geben, in der jeder Einwohner von Springfield, der in einer der bisher 400 Episoden aufgetaucht ist, mitspielt. Eine historische Familienzusammenkunft. Und ein großer Kinomoment. Für die Fans der Simpsons könnte das Simpsons Movie wirklich eine ähnlich prägende Erfahrung darstellen wie einst der legendäre „Itchy & Scratchy“-Film für die Jugend von Springfield. Bart durfte damals nicht ins Kino, eine der wenigen erzieherischen Maßnahmen seines Vaters. Von diesem Trauma blieb der Junge sein altersloses Leben lang gezeichnet.
Die Serie, neue und alte Folgen, läuft auf Pro Sieben täglich um 18 Uhr.
Zum Simpsons-Film, der am 26. Juli startet, gab es vor Drucklegung dieses Heftes leider keine Pressevorführung; die Kritik erscheint in der nächsten Ausgabe.
epd Film 7/2007


epd Film Abonnement
© epd Hinweis zum Urheberrecht