Dunkelblaufastschwarz

Origineller Schauspielerfilm aus Spanien

von Manfred Riepe


© Fotos: Arsenal

Dunkelblau, fast schwarz, ist die Farbe des Anzugs, nach dem Jorge sich sehnt. Doch mit dem erhofften sozialen Aufstieg zum Banker, den der edle Zwirn symbolisiert, tritt Jorge in Konkurrenz zu seinem Vater Andrés. Es gefällt ihm nicht, dass der Sohn ihn sozial überholt. In dieser Situation passt es dem Vater eigentlich ganz gut, dass er einen Schlaganfall erleidet und zum Pflegefall im Rollstuhl wird. Detailgenau und dennoch erstaunlich beiläufig zeigt der Film Jorges tagtägliche Pflegeroutine, vom Wechseln der Windeln bis zur zärtlichen Fingermassage. Trotzdem entsteht im Kinodebüt des 37-jährigen Spaniers Daniel Sanchez Arévalo nie die Assoziation eines Behindertenfilms.

Mit präzisem Timing schildert der Autorenfilmer die tragikomische Geschichte Jorges, der einen schwierigen Weg geht. Er pflegt nicht nur den Vater. Er muss auch in dessen Fußstapfen treten und den verhassten Beruf des Hausmeisters ergreifen. Gezwungenermaßen kehrt er so auch vor der Tür seiner großen Liebe Natalia, die aus einer wohlhabenden Familie kommt. Obwohl Arévalo das Scheitern dieser Liebe an den Klassenunterschieden bodenständig und mit pointierten Beobachtungen vermittelt, käme man auch nicht auf die Idee, Dunkelblaufastschwarz als sozialkritischen Film zu bezeichnen.

Mit seiner fantasievollen Vielstimmigkeit orientiert Arévalo sich in seinem komischen Drama eher an Pedro Almodóvar. Arévalo erzählt eine verdrehte, kunstvoll verdichtete Geschichte, die aber auf überraschende Weise glaubhaft und realistisch ist: Über seinen inhaftierten Bruder Antonio lernt Jorge im Gefängnis dessen Freundin Paula kennen. Um die Hafterleichterung der Mutter-Kind-Station genießen zu können, will Paula schwanger werden. Da aber Antonio zeugungsunfähig ist, muss Jorge den Bruder vertreten. Die im spanischen Katholizismus traditionell passiv definierte Rolle der Frau als Mutter wird hier ironisch auf den Kopf gestellt: Ausgerechnet ihre Schwangerschaft macht Paula zum selbstbestimmt handelnden Individuum.

Souverän jongliert Arévalo mit einer Fülle von (Tabu-)Themen. In einem beiläufig eingeflochtenen Nebenstrang gibt es noch eine aberwitzige Hommage an Hitchcocks Das Fenster zum Hof, verbunden mit einem schwulen Vater-Sohn-Coming-Out. Aber dank eines speziellen Humors, der tragische Wendungen stets in ein komisches Licht rückt, wirkt die Geschichte nie überfrachtet.

Unter die Haut geht dieses warmherzig-skurrile Drama nicht zuletzt dank der vitalen Darsteller, allen voran der sympathische Newcomer Quim Guitérrez in der Rolle des melancholischen Hausmeisters Jorge. Dunkelblaufastschwarz ist ein dankbarer Schauspieler-film, weil die Figuren bis hin zu den Nebenrollen liebevoll durchdacht sind. Mit dokumentarischer Genauigkeit schaut die Kamera zu, wie die traditionellen Rollen des Vaters, des Sohnes und der Mutter auf witzige Weise neu definiert werden. Doch dank Arévalos poetischer Sachlichkeit ist Dunkelblaufastschwarz kein prätentiöses Lehrstück, sondern ein origineller, kleiner Kinofilm, der die Lust am Sehen weckt und in dem es noch viel zu entdecken gibt.

Mit einem Touch „Almodóvar“, poetisch, witzig und unsentimental erzählt Nachwuchsregisseur Daniel Sanchez Arévalo die Geschichte von Jorge, dessen Karrierepläne durch einen Schlaganfall seines Vaters durcheinandergeraten.

Azuloscurocasinegro
Spanien 2005. R und B: Daniel Sánchez Arévalo. P: José Antonio Félez. K: Juan Carlos Gómez. Sch: Nacho Ruiz Capillas. M: Pascal Gaigne. T: Jaime Barros. A: Federico Garcia Cambero. Ko: Nereida Bonmati. Pg: Tesela PC/TVE/Canal Plus. V: Arsenal. L: 105 Min. Da: Quim Gutiérrez (Jorge), Marta Etura (Paula), Antonio de la Torre (Antonio), Héctor Colomé (Andrés), Raúl Arévalo (Israel), Eva Pallarés (Natalia), Manuel Morón (Fernando), Ana Wagener (Ana), Roberto Enriquez (Roberto).

epd Film 6/2007



Start: 21.6. (D)


 


 


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