Buongiorno, notte – Der Fall Aldo Moro

Marco Bellocchios Film über die Entführung des italienischen Politikers

Barbara Schweizerhof


© Fotos: Kairos

Der Spielfilm des bekannten italienischen Regisseurs Marco Bellocchio (Teufel im Leib) kreist um die Entführung des ehemaligen christdemokratischen Ministerpräsidenten durch die terroristischen Roten Brigaden. Buongiorno, notte ist bereits vier Jahre alt – passt aber gut in die Debatte, die aktuell bei uns um die RAF geführt wird.

Keiner will einsteigen: Von Stockwerk zu Stockwerk fährt der Fahrstuhl, die Türen öffnen sich, und alle, die eben noch ungeduldig hineindrängeln wollten, halten erschreckt inne, um sich dann eilig abzuwenden. Stur hält die Kamera die Perspektive und blickt aus dem Fahrstuhl heraus. Der Kinozuschauer sieht also nicht, was sich im Lift befindet und die Reaktionen auslöst. Bis ein junger Mann ohne aufzublicken einsteigt. Beim nächsten Halt steht die Kamera mit den Wartenden vor der Tür und gibt endlich den Blick frei auf das Zeichen an der Wand: ein fünfzackiger Stern im Kreis in blutroter Farbe. „Ich war’s nicht“, beteuert der junge Mann im Fahrstuhl, aber seine Rechtfertigung geht in Beschimpfungen unter.

Italien im März 1978. Den Geist der Zeit hat Regisseur Marco Bellocchio in dieser fast wortlosen Szene auf sehr spezielle Weise eingefangen. Der fünfzackige Stern ist das Symbol der „Roten Brigaden“, die soeben den Politiker Aldo Moro entführt haben. Das Erschrecken vor dem Graffito aber zeigt weit mehr als die von diesem Ereignis ausgelöste Angst. Das eigentlich Interessante an dieser Szene nämlich ist die Konformität, mit der die Menschen reagieren. Einheitlich ziehen sie den Kopf ein und laufen weg, ohne sich auszutauschen. Illustriert wird hier jene „Untertanen-Mentalität“, wie sie in den zu Wohlstand gekommenen Nachkriegsgesellschaften Westeuropas weit verbreitet war: ein ängstlicher gesellschaftlicher Konsens für Ruhe und Ordnung, der es den Terroristen möglich machte, ihre Taten als Widerstand gegen ein repressives Herrschaftssystem zu glorifizieren.

Marco Bellocchio hat seinen Film Buongiorno, notte bereits zum 25-jährigen Jahrestag der Entführung Aldo Moros fertig gestellt. Mit der Folge, dass er eher als „Konjunktur-Produkt“ denn als künstlerische Auseinandersetzung begriffen wurde. Der Filmverleih Kairos bringt ihn nun in der wohl richtigen Annahme in die deutschen Kinos, dass im Kontext der aktuellen RAF-Debatte das italienische Beispiel mehr Beachtung als noch vor vier Jahren finden könnte. Dass der Fall Aldo Moro überreich an Parallelen zum Fall Schleyer ist, lag seinerzeit bereits auf der Hand. Umso interessanter ist es, dass in Deutschland heute ein Film wie dieser kaum vorstellbar scheint.

Das beginnt damit, dass Bellocchio drei Dinge bewundernswert sorgfältig auseinander hält, die sonst leicht durcheinandergeraten. Zum einen gibt es die gesicherten Fakten. Zum andern gibt es die Geschichte, von der man glaubt, dass sie sich so abgespielt hat. Und zum Dritten gibt es Wunschversionen: Wenn doch alles anders gekommen wäre …

Nüchtern inszeniert Bellocchio die letzten Vorbereitungen der Tat. Ein junges Ehepaar mietet eine Wohnung. Bei der Besichtigung misst der Mann in einem unbeobachteten Moment ein Zimmer mit Schritten aus. Später sieht man eine Gruppe Schrankwände zusammenbauen. Als eine Nachbarin an der Tür klingelt, verstecken sich alle außer dem vermeintlichen Ehepaar in geübter Lautlosigkeit.

Die abgedunkelte Wohnung bildet den wichtigsten der wenigen Schauplätze des Films. Vordergründig spielen sich hier nur die alltäglichsten Dinge ab: ein Paar liegt wach auf dem Ehebett, die Gruppe schaut gemeinsam die Nachrichten, in der Küche essen sie zusammen. Und dann gibt es noch den Gefangenen hinterm Wandschrank, dem immer nur zwei der Entführer mit verhüllten Gesichtern gegenübertreten. Die Gruppe ist bestens aufeinander eingespielt. Die Tatsache, dass sie nur das Notwendigste miteinander reden, weist die Einzelnen als Rädchen im Getriebe eines übergeordneten Apparats aus.

Chiara (Maya Sansa), die einzige Frau unter ihnen, wahrt die bürgerliche Fassade und geht einem Job nach. An ihr demonstriert der Film eindrücklich die doppelte Entfremdung der selbst ernannten Revolutionäre: Draußen, in der normalen Welt, spielt Chiara die Konservative und Angepasste und verheimlicht ihre wahren Gedanken. Genauso wie sie drinnen, in der abgedunkelten Wohnung mit dem Entführten hinter dem Wandschrank ihre aufkeimenden Zweifel und zwiespältigen Gefühle verbergen muss. Hier setzt die bereits erwähnte „Wunschversion“ ein: Zusammen mit Chiara, die immer mehr von der Würde und Gefasstheit Moros angerührt ist, fantasiert der Film kurz vor dem tatsächlichen noch einen anderen Ausgang der Geschichte – und der trifft einen mit der geballten Wucht erfüllter Sehnsüchte.

Das ist viel weniger kitschig, als es klingt. In knappen Szenen und Archivbildern zeigt der Film nämlich auch die diversen Spuren auf, die in den Jahren danach den unterschiedlichen Theorien über die „wahren Hintergründe“ der Entführung den Weg weisen. Mit beeindruckender Konsequenz bewahrt der Film dabei eine Haltung, die im Kern ein humanistisches Plädoyer für eine Politik der Schwäche darstellt: Was wäre gewesen, wenn die Politiker nicht hätten Härte demonstrieren wollen, wenn sie verhandelt hätten mit den Entführern? Wenn die Brigadisten auf den vermeintlichen Beweis ihrer Stärke, die Exekution Moros, verzichtet hätten? Ein Akt der Schwäche, das ist eines der Gedankenexperimente, die sich an diesen Film anschließen, kann das stärkste Mittel sein, um dem Zwang der Eskalation zu entgehen. 

Beeindruckend differenziert zeichnet Bellocchios mit dokumentarischen Elementen angereichertes Drama die Umstände des Entführungsfalls Aldo Moro nach. Und entwickelt sich zum durch und durch humanistischen Plädoyer für eine Politik des Einlenkens.

Buongiorno, notte
Italien 2003. R und B: Marco Bellocchio. P: Marco Bellocchio, Sergio Pelone. K: Pasquale Mari. Sch: Francesca Calvelli. M: Riccardo Giagni. T: Gaetano Carito. A: Marco Dentici. Ko: Sergio Ballo. Pg: Filmalbatros/Rai Cinema/Sky. V: Kairos. L: 106 Min. Da: Maya Sansa (Chiara), Luigi Lo Cascio (Mariano), Pier Girogio Bellocchio (Ernesto),  Paolo Briguglia (Enzo), Roberto Herlitzka (Aldo Moro).

epd Film 6/2007



Start: 14.6. (D)


 


 


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