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Irina Palm Marianne Faithfull im neuen Film von Sam Garbarski Anke Sterneborg
Der Zweck heiligt die Mittel, findet die Endfünfzigerin Maggie: Alles ist besser, als tatenlos darauf zu warten, dass ihr Enkel kläglich zugrunde geht, während er in Australien geheilt werden könnte. Also zieht sie kurzerhand los, um einen Job zu suchen, und natürlich hat sie keine Ahnung, worauf sie sich einlässt, als sie in einem schummrigen Londoner Sexschuppen ihre Dienste als Hostess anbietet. Nun ist die ältliche und behäbige Witwe mit ihrem stumpf mausbraunen Haar, mit dem müden Blick ihrer kleinen Augen, dem fahlen Teint und den unförmigen Gewändern nicht unbedingt das, was man sich unter einer Sexdienerin vorstellt. Doch ähnlich wie Maggie denkt auch Miki, der Geschäftsführer von Sexy World pragmatisch, als er ihre samtweichen Hände befühlt, sieht er ihr Potenzial und bietet ihr einen Job in der Kabine an, wo sie den Männern im Fünf-Minuten-Takt einen runterholen soll, ganz anonym, durch ein kleines Loch in der Wand.
Das wahre Wunder dieses Films aber ist seine Hauptdarstellerin, Marianne Faithfull (siehe auch S. 11), die Pop-Ikone der Sechziger, die nach einer Reihe charmanter Nebenrollen in Filmen wie Marie Antoinette oder Intimacy hier zu einer wunderbaren Hauptdarstellerin erblüht. Unter ihrem subtilen Spiel wird die Geschichte der wichsenden Witwe von London zu einem furiosen Coming of Age. „Was mich interessiert hat“, sagt Marianne Faithfull „ist Maggies Weg von einer eingeschlossenen, weltabgewandten kleinen Hausfrauenexistenz ohne wirkliches Leben zu einer Person mit Mut und Stärke. Vom Vorort zur wichsenden Witwe, was für eine Reise!“
Der Job als Sexarbeiterin wird für die brave Witwe Maggie zu einem unverhofften Befreiungsschlag, der ihrem stagnierenden Leben ganz neue Perspektiven gibt. Marianne Faithfull brilliert mit einer in feinsten Nuancen austarierten Rolle, die alle Klippen der Peinlichkeit bravourös umschifft. Irina Palm Start: 14.6. (D), 21.6. (CH), 22.6. (A) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Das Wunder dieses zärtlich berührenden Films besteht darin, wie es dem belgischen Werbefilmer Sam Garbarski in seinem zweiten Spielfilm gelingt, den anfänglichen Schock und die Scham in langsam wachsendes Selbstvertrauen zu überführen, wie er die ganze Peinlichkeit der Situation humorvoll zeigt, ohne sie zur Lachnummer zu machen, wie er den Kunden und den dienstleistenden Frauen gleichermaßen ihre Würde lässt, ohne die Armseligkeit und die Kläglichkeit des Arrangements zu beschönigen. Und schließlich wie er immer geschmackvoll bleibt, ohne deswegen prüde zu sein.
Den Widrigkeiten ihres neuen Jobs trotzt die bieder brave Hausfrau mit demselben anpackenden Pragmatismus, mit dem sie auch zu Hause in der Küche waltet. Wenn sie sich in der Kabine die Kittelschürze umbindet, verströmt sie die Aura einer Frau, die es gewohnt ist anzupacken, und mit einer Thermosflasche, einem Landschaftsbild und einer kleinen Blumenvase macht sie die anonyme Bordellkabine zu ihrem Reich. So anrüchig der Job auch sein mag, er verleiht ihr bald ein bisher wohl nie gekanntes Selbstbewusstsein, bald stehen die Männer Schlange vor ihrer Kabine, aus Maggie aus der grauen Vorstadt ist Irina Palm der schillernden Metropole geworden, aus dem unscheinbaren Aschenputtel eine stolze Königin der Nacht. Kein Wunder, dass ihre Familie und ihre Freunde misstrauisch und missgünstig werden, doch auch die Hürde bürgerlicher Scheinheiligkeit nimmt sie mit Bravour. 