The Namesake – Zwei Welten, eine Reise

Mira Nairs neuer Film über indische Migranten in New York

Marli Feldvoß


© Fotos: Fox

Auf Tuchfühlung geht sie nur mit den Schuhen, die nach Landessitte vor der Tür abgestellt sind. Das zweifarbige amerikanische Schuhwerk hat es ihr auf Anhieb angetan. Und wenn sie hineinschlüpft, steht sie für einen Augenblick in der großen weiten Welt, in die sie ihr fremder Bräutigam entführen wird. Die Rede ist von Ashima (Bollywoodstar Tabu), der jungen indischen Sängerin, die nach alter Sitte durch eine arrangierte Hochzeit verheiratet werden soll. Ashima und Ashoke werden also nach indischer Zeremonie in Kalkutta heiraten und dann nach New York übersiedeln, wo der angehende Professor Ashoke seiner bildschönen Frau zunächst nur ein bescheidenes Heim bieten kann. Auch in der Ferne bleibt das Paar seinen Bengali-Traditionen treu und richtet sich nach Emigrantenmanier ein Leben in der indischen Diaspora ein. Erst ihre Kinder Gogol und Sonia, die nächste Generation, wachsen als waschechte Amerikaner auf. Das geht so weit, dass Gogol, der Erstgeborene, zu Beginn seines Studiums seinen Rufnamen auf Nikhil (Nick) abändert und sich später als angehender Architekt mit einer hellblonden Amerikanerin aus einer betuchten New Yorker Familie liiert.

Vierzig Jahre Lebenszeit – vom Ende der Siebziger bis heute – und zwei Generationen wollen auf die Leinwand gebannt werden. Wieder also hat sich Mira Nair, nach ihren opulenten Ausstattungsfilmen Monsoon Wedding und Vanity Fair, eine große Erzählung vorgenommen. The Namesake ist erneut eine Literaturverfilmung – entstanden nach dem Roman gleichen Titels der indo-amerikanischen Autorin Jhumpa Lahiri; der Film bewegt sich mit seinen erzählerischen Mitteln jedoch auf etwas bescheidenerem Niveau als die Vorgänger – zwei indische Hochzeiten und ein Todesfall sind allerdings dabei. Als dritte Erzählebene kommt die traumatische Erinnerung des Vaters an ein Zugunglück in jungen Jahren hinzu, bei dem der russische Autor und Namensgeber Gogol eine erhebliche Rolle spielte. Insgesamt also eine komplizierte Erzählstruktur, die Nair mit unterschwelliger Spannung und sanften Übergängen hervorragend zu meistern versteht.

Im Grunde arbeiten sich Film wie Roman an ihrem Titel „The Namesake“ (Der Namensvetter) ab, der die Metapher für den „Zusammenstoß der Kulturen“ schon vorgibt, jenes verborgene Namens-Rätsel, das erst zum Filmende für Gogol wie auch für die Zuschauer gänzlich gelöst wird. Nair bezieht sich mit der Fotografie ausdrücklich auf Wim Wenders’ Paris Texas, unternimmt jedoch auch inhaltlich mit der Suche nach der „wahren Identität“ eine innere Reise, die einen komplizierten Spannungsbogen schlägt, der bis zum Schluss durchgehalten werden will. So steht im zweiten Teil der Indo-Amerikaner Gogol mit seinen jugendlichen Eskapaden und gleich zwei Liebesgeschichten im Mittelpunkt, die den Film in eine Éducation sentimentale verwandeln, ohne ins Melodramatische abzugleiten.

The Namesake bleibt eine unterhaltsame und sehr glaubwürdige Geschichte, in der sich „die dunkle bengalische Schönheit gegen ein Mark-Rothko-Gemälde in einer nüchternen Stadtlandschaft wie Manhattan“ (Mira Nair) zu behaupten weiß. Aus diesen Gegensätzen speist sich ein pulsierender und gerade auch mit seinen originellen Dialogen überzeugender, typischer Mira-Nair-Film.          

Vierzig Jahre und zwei Generationen umspannt die komplexe, pulsierende Romanverfilmung um eine nach Bengali-Tradition arrangierte Ehe zwischen einer Sängerin und einem Wissenschaftler. Ein typischer Nair-Film – fesselnd und originell im Detail.

The Namesake
USA 2006. R: Mira Nair. B: Sooni Taraporevala (nach dem Roman von Jhumpa Lahiri. P: Lydia Dean Pilcher, Mira Nair. K: Frederick Elmes. Sch: Allyson C. Johnson. M: Nitin Sawhney, Linda Cohen. T: Ed Novick. A: Stephanie Carroll, Suttirat Larlarb. Ko: Arjun Bhasin. Pg: Fox/Entertainment Farm/UTV Motion/Mirabai/Cine Mosaic. V: Fox. L: 122 Min. Da: Kal Penn (Gogol), Tabu (Ashima), Irrfan Khan (Ashoke), Jacinda Barrett (Maxine), Zuleikha Robinson (Moushumi).

Interview mit Mira Nair

epd Film 6/2007



Start: 7.6. (D, CH)


 


 


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