von Andreas Busche
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© Fotos: Warner |
Zwölf Jahre ist es her, seit David Fincher mit Sieben das Genre Serial-Killer-Film komplett umkrempelte. Finchers Ästhetik sollte auf Jahre stilbildend für das Genre sein, doch es dauerte nicht lange, bis sein bahnbrechender Stil von anderen Regisseuren aufgegriffen wurde, in deren Händen seine Innovationen schnell zu formelhaften Manierismen verkamen. Mit seinem neuen Film kehrt David Fincher nun nach über zehn Jahren zu jenem Genre zurück, mit dem er seinen Ruf als einer der technischsten Regisseure der Gegenwart begründete. Umso überraschender, dass Zodiac ganz und gar untypisch geworden ist, ein Meisterstück klassischen Erzählkinos: dicht, schnörkellos und ohne technische Gimmicks.
Zodiac beruht auf dem wahren Fall des „Tierkreis“-Serienmörders, der 1968 und ‘69 in der Bay Area von San Francisco sieben Menschen tötete und danach spurlos verschwand. (Die genaue Anzahl seiner Opfer ist allerdings bis heute ungewiss.) Der mysteriöse Fall hat über die Jahre viele Hobby-Kriminologen beschäftigt, unter anderem Robert Graysmith, heute ein erfolgreicher True-Crime-Autor, der sich als Zodiac-Experte einen Namen gemacht hat. Fincher begibt sich mit seinem Film, der hauptsächlich auf Graysmiths beiden Zodiac-Büchern basiert, in eine Grauzone zwischen Journalismus, Spekulation und Obsession, und es ist eine Genugtuung zu sehen, wie bravourös er diesen Spagat meistert. Mit einer Länge von zweieinhalb Stunden ist Zodiac nicht nur eine hochgradig stringente Nachstellung der damaligen Ereignisse, er liefert auch ein differenziertes Psychogramm der Menschen, die Jahre ihres Lebens opferten, um die Identität des Zodiacs zu enthüllen.
Zodiac ist aber ebenso ein Film über die Medien wie über die zermürbende Polizeiarbeit, denn der Killer war ein cleverer Promoter in eigener Sache, der die Bevölkerung von San Francisco mit Briefen an die lokale Presse jahrelang in Atem hielt. Haupthandlungsort sind bei Fincher die Redaktionsräume des San Francisco Chronicle, wo am 1. August 1969 die erste verschlüsselte Nachricht des Killers eintraf. Hier arbeitete Graysmith, gespielt von Jake Gyllenhaal, damals als Cartoonzeichner. Sein Schreibtisch stand nur wenige Meter entfernt von dem des Kriminalreporters Paul Avery (Robert Downey jr.), der mit dem Fall beauftragt war. Graysmith entwickelte eine wachsende Obsession für den Mörder. Es dauert jedoch eine Weile, bis er sich im Film als Hauptfigur herauskristallisiert, denn zunächst konzentriert Fincher sich auf die Recherchen Averys, der immer wieder die Wege der Polizei kreuzt. Mark Ruffalo in der Rolle des legendären Detective Dave Toschi, der Steve McQueen das Schießen beibrachte, komplettiert das Trio zwanghafter Spurensucher.
Fincher beweist ein untrügliches Gespür für Atmosphäre und Timing. Wie ein neutraler Beobachter zieht er sich diskret hinter das Geschehen zurück und lässt die Geschichte den Stil diktieren – nicht umgekehrt, wie in früheren Filmen. Der scheinbare Mangel an persönlicher Handschrift wird zur eigentlichen Stärke von Zodiac, den, ob on location oder in der Redaktion des Chronicles, eine fast dokumentarische Qualität auszeichnet. San Francisco hat dank der ausgewaschenen, organischen Farben nichts von der Hippie-Hochburg. Fincher zeigt die Stadt abseits der Touristenattraktionen: Arbeiterwohngegenden, schmutzige Straßenzüge. Im letzten Drittel zieht sich die Schlinge immer enger um die Hauptfiguren zusammen. Ende der Siebziger arbeitet Toschi nicht mehr für das Morddezernat, gerät aber in den Verdacht, eine Nachricht des Zodiac-Killers fabriziert zu haben, um den Fall wieder aufrollen zu können. Avery ist zu einem Drogenwrack heruntergekommen. Nun rückt Graysmith, der sich zwischen Bergen von Akten verkriecht, in den Mittelpunkt der Geschichte, die der Film mit beträchtlichen Zeitsprüngen bis weit in die Neunzigerjahre weiterverfolgt. Das letzte Drittel ist der stärkste Teil des Films, weil es Fincher hier gelingt, die Fülle an Informationen neu zu sortieren und gleichzeitig den obsessiven Charakter von Polizeiarbeit offenzulegen. Zodiac ist wie alle Filme Finchers kühl und mechanisch, doch gerade darin liegt die Tragik seiner Figuren. Sie sind keine Opfer des Zodiacs, bloß die ihres eigenen Wahns.
David Fincher liefert mit seiner Rekonstruktion der Ermittlungen um die berühmte Zodiac-Mordserie ein Meisterwerk klassischer Erzählkunst ab.
Zodiac
USA 2007. R: David Fincher. B: James Vanderbilt (nach dem Buch von Robert Graysmith). P: Mike Medavoy, Arnold W. Messer, Bradley J. Fischer, James Vanderbilt, Ceán Chaffin. K: Harris Savides. Sch: Angus Wall. M: David Shire, George Drakoulias. T: Drew Kunin. A: Donald Graham Burt, Keith Cunningham. Ko: Casey Storm. Sp: Eric Barba. Pg: Paramount/Warner/Phoenix. V: Warner. L: 157 Min. FSK: 16, ff. FBW: wertvoll. Da: Jake Gyllenhaal (Robert Graysmith), Mark Ruffalo (Dave Toschi), Robert Downey jr. (Paul Avery), Anthony Edwards (Bill Armstrong).
epd Film 6/2007
Start: 31.5. (D, CH), 1.6. (A)


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