Ihrer Zeit weit voraus

Asta Nielsen – ein Superstar des europäischen Stummfilms

von Wilhelm Roth


  

Asta Nielsen hat das Kino der Zehner- und Zwanzigerjahre durch ihre Heldinnen wie durch ihre Darstellung geprägt. In Frankfurt war nun ihr Gesamtwerk zu sehen, verbunden mit einem Symposium und einer Ausstellung. Weitere Stationen der Retrospektive „Sprache der Liebe“ sind Bologna, Wien und Berlin.

Asta Nielsen ist einer der ganz großen Namen der deutschen Filmgeschichte – doch erinnert man sich heute vor allem an ihre großen tragischen Rollen im Kino der Weimarer Republik, in Die freudlose Gasse (1925) oder Die Dirnentragödie (1927). In Filmmuseen und Kommunalen Kinos war auch gelegentlich der eine oder andere Film aus ihrer frühen Glanzzeit vor dem Ersten Weltkrieg zu sehen, Der fremde Vogel, Die Sünden der Väter oder Engelein.

In Frankfurt am Main gab es nun zum ersten Mal in einer Retrospektive „Sprache der Liebe“ einen Überblick über Nielsens Gesamtwerk, veranstaltet von der Kinothek Asta Nielsen, dem Deutschen Filmmuseum und dem Schauspiel Frankfurt. Gezeigt wurden jene knapp 40 Filme, die von rund 70 bis 80 nachgewiesenen erhalten sind, manche davon nur als Fragment. Dazu gesellt sich eine schöne, kleine Ausstellung im Deutschen Filmmuseum mit Standfotos, Plakaten, Programmheften, Starpostkarten. Nach der Retrospektive kann man das Urteil von Benjamin Katz in seinem Lexikon nur bestätigen: „Legendary superstar of the european silent cinema.“

Asta Nielsen, 1881 in Kopenhagen geboren, stand schon mit 18 Jahren auf der Bühne, kam aber relativ spät zum Film, 1910 in Dänemark. Später ging sie mit dem Regisseur Urban Gad, ihrem ersten Ehemann, nach Deutschland, wo dann bis 1932 fast alle ihre Filme entstanden. Auch hier arbeitete Asta Nielsen immer wieder beim Theater. 1937 kehrte sie endgültig nach Dänemark zurück, missfiel ihr doch zunehmend die Politik des „Dritten Reichs“. 1945 veröffentlichte sie ihre Autobiografie, vom Film zog sie sich völlig zurück. 1972 ist sie in Kopenhagen gestorben.

Kämpfen, lieben wie ein Mann
Fast alle ihre Filme erzählen Liebesgeschichten, aber mehr noch als nach Liebe strebt Asta Nielsen nach Selbstständigkeit, Unabhängigkeit. Sie möchte einem Mann gegenüber immer mindestens ebenbürtig sein. Wenn sie einen attraktiv findet, ergreift sie die Initiative. In ihrem Debüt Abgründe (1910) fängt sie bei einer Bühnenshow ihren Artistenkollegen und untreuen Liebhaber in einem erotischen Gauchotanz mit einem Lasso ein. Lernt sie einen interessanten Mann kennen, lässt sie – so in Der fremde Vogel (1911) – gar ihren Bräutigam sitzen. In Das Liebes-ABC (1916) muss sie ihrem schüchternen Verlobten erstmal männliche Tugenden beibringen, das Rauchen (Zeichen der Emanzipation in vielen ihrer Filme), das Küssen und wie man sich im gesellschaftlichen Leben bewegt. Dafür verkleidet sie sich als Mann, der Frack steht ihr vorzüglich, und stürzt sich als angeblicher Bruder mit dem Zukünftigen ins Nachtleben.

Die Spionagegeschichte Das Mädchen ohne Vaterland (1912) ist fast ein Musterkatalog für das Verhältnis der Nielsen-Frau zu den Männern. Sie ist eine Zigeunerin, die sich zu wehren weiß. Auf den Spion, der sie anwerben will, beginnt sie gleich einzuschlagen, bevor sie dann durch das Geld doch neugierig wird. Um an die Geheiminformationen zu kommen, flirtet sie hemmungslos mit einem Offizier. Ironisch ist ihr Umgang mit männlichen Symbolen – so raucht sie Zigarre und Pfeife und balanciert auf einer riesigen Kanone. Schließlich verliebt sie sich doch in den Offizier, zieht aber, als er wegen seines Verrats zum Tode verurteilt wird, ziemlich ungerührt weiter. Filme wie Abgründe und Das Mädchen ohne Vaterland waren es, die Asta Nielsens Gegner auf den Plan riefen: „Keine andere kann wie sie ihre leichtbekleideten Glieder in einem Tanze auf der scharfen Messerschneide der Unzüchtigkeit verrenken“, hieß es 1912.

Besonders schön hat sie die bürgerlichen Moralvorstellungen in Engelein (1913) gesprengt, eine Komödie, die auch heute noch mindestens das Programmkinopublikum begeistern müsste. Asta Nielsen spielt als 32-Jährige einen 17-jährigen impertinenten Teenager, der ein 12-jähriges braves Mädchen spielen muss, damit der Erbonkel, dem man ihre uneheliche Geburt verheimlicht hatte, das Testament nicht ändert. Doch die vermeintlich 12-Jährige verliebt sich in den 50-jährigen Onkel und er sich in sie.

Asta Nielsen spielt immer körperbetont, ist immer in Bewegung, manchmal hyperaktiv, manchmal reichen aber auch Andeutungen, und sie spielt so konkret, dass die Zwischentitel kaum nötig sind. Sie nutzt dabei alle Gegenstände, die sie in die Hand bekommt oder die ihr im Wege stehen. Sie setzt „damenhafte“ Kleider ein wie auch modische Klamotten und in Zapatas Bande (1914), wo sie als Filmschauspielerin den Chef einer Räuberbande gibt und für den echten Räuberhauptmann gehalten wird, hantiert sie mit mehreren Pistolen, worauf die Tochter einer überfallenen Familie ihn/sie sofort küsst.

Eine moderne Darstellerin
Nie hat man als Zuschauer den Eindruck, ein Regisseur habe ihr gesagt, was sie tun soll. Die Regieleistungen, besonders von Urban Gad, sind professionell, aber ohne eigenen Stil. Es kommt alles von Asta Nielsen, die ihre Filme genau kontrollierte und dies auch zum Beispiel in Filmprimadonna (1913) auf der Leinwand vorgeführt hat: In der Rolle eines Stars begutachtet sie die Muster. Einen eigenständigen künstlerischen Beitrag leistete aber gelegentlich die Kamera, besonders wenn sie von Guido Seeber geführt wurde, einem frühen Pionier dieser Kunst. In Der fremde Vogel gelingen ihm wunderbare Einstellungen des Wassers, der Bäume und des Lichts im Spreewald.

Asta Nielsen war eine Künstlerin, ihrer Zeit weit voraus, die auch immer wieder moderne Figuren spielte, etwa Die Börsenkönigin (1916), die sich souverän als einzige Frau zwischen Geschäftsleuten und Bankern bewegt, deren Leben durch die Liebe dann allerdings völlig durcheinandergebracht wird. Sie verkörpert geradezu prototypisch das deutsche Kino vor 1918, das vitaler und anarchischer war, als man lange annahm. Siegfried Kracauer und Lotte H. Eisner hatten die deutsche Filmgeschichte mit dem Cabinet des Dr. Caligari (1919) beginnen lassen. Das Kino davor ist erst in den letzten 20 Jahren durch Filmrestaurierungen und Retrospektiven neu entdeckt worden. In der Weimarer Republik wurde dann der deutsche Film, jedenfalls in seinen Spitzenprodukten, seriöser, literarischer, bildungsbewusster, auch Asta Nielsen hat sich diesem Trend nicht entzogen, sie perfektionierte nun, was sie auch in den Zehnerjahren schon gespielt hatte, die Tragödin. Zwei Beispiele aus den Jahren 1921/22 zeigen sie in Hochform.

1920 drehte sie, erstmals in eigener Produktion, eine eigenwillige Version des „Hamlet“: Der Dänenprinz ist eine junge Frau. In der Großproduktion (Regie: Svend Gade, Heinz Schall) überzeugt sie durch ihr einfaches, subtiles, federleichtes und doch emotional berührendes Spiel. In Der Absturz (Regie: Ludwig Wolff) stellt sie eine alternde Operetten-diva dar, die ihren sozialen Absturz nur deswegen erträgt, weil sie auf ihren Geliebten wartet, der wegen Totschlags zehn Jahre im Zuchthaus sitzt. Als er entlassen wird, holt sie ihn ab, schminkt sich vorher vor dem Spiegel, und man sieht sofort: Sie wird ihre Liebe verlieren. Vor dem Gefängnistor erkennt der Geliebte die alte Frau nicht mehr. Für den Filmtheoretiker Béla Balázs war die Spiegelszene „das Höchste, bisher in der Filmkunst“. Nach dem Schminken „mustert sie das Resultat und zuckt die Achseln. Dieses Achselzucken sagt: Jetzt bin ich tot.“

Die glänzend vorbereitete Retrospektive hat gezeigt, wie wichtig es ist, alten Filmen, damit sie zur vollen Wirkung kommen, einen angemessenen Rahmen zu geben. Der vom Deutschen Filminstitut in Farbe restaurierte Hamlet faszinierte nicht zuletzt wegen des großen Bildes auf der Riesenleinwand im Frankfurter Schauspiel. Auch die von Arte in Auftrag gegebene Musik von Michael Riessler hat zum Erlebnis Hamlet entschieden beigetragen, die oft elektronischen Klänge haben die im Bild nur angedeuteten aggressiven oder unheimlichen Stimmungen erst richtig ausformuliert. Und Zapatas Bande, eine pfiffige Geschichte, aber träge inszeniert, gewann außerordentlich durch die pointierten Rhythmen von Maud Nelissen und den Asta Harmonists.

Deutsches Filmmuseum Frankfurt: Retrospektive bis 9.6., Ausstellung bis 16.9. Weitere Stationen der Retrospektive: Bologna (Juli), Wien (November), Berlin (Dezember).

Hamlet läuft am 20.7. in Arte.

www.deutsches-filmmuseum.de
www.kinothek-asta-nielsen.de

epd Film 6/2007


 


 


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