von Marli Feldvoß
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Mira Nair am Set |
Mira Nair ist die bekannteste Regisseurin Asiens. Aber auf ein Etikett hat sie sich nie festlegen lassen. Als Grenzgängerin zwischen den Kulturen erzählt sie nicht nur Geschichten vom indischen Subkontinent, sondern leistet sich auch schon mal eine Literaturadaption im großen Hollywoodstil wie das Kostümdrama Vanity Fair. Auf der Buchmesse im vergangenen Jahr hat sie ihre neue Arbeit The Namesake vorgestellt, die jetzt bei uns ins Kino kommt. Marli Feldvoß hat die Regisseurin in Frankfurt getroffen.
Frau Nair, ich erinnere mich, dass wir bei unserem letzten Treffen über Ihre Arbeitsmethode sprachen, den Tag mit einer Yoga-Stunde zu beginnen. Welchen Zweck verfolgen Sie eigentlich damit?
Ich bin eine Anhängerin des B.K.S. Iyengar Yoga, einer klassischen, strengen Yoga-Form. Und obwohl ich mein Leben lang mit Yoga geliebäugelt habe, hat diese spezielle Yoga-Form, die ich erst vor zehn Jahren entdeckt habe, tatsächlich mein Leben verändert. Und weil das Filmemachen so unglaublich anstrengend ist, kam mir die Idee, Yoga am Set einzuführen. Wir haben also immer einen Iyengar-Lehrer dabei und praktizieren eine Stunde vor Drehbeginn, egal wo. Ob in England, Amerika oder Indien. Dadurch entsteht ein Gefühl von Ich-Leere auf dem Set. Es trennt die Person von ihrem Ego. Deshalb gibt es kein Geschrei, keine Wutanfälle oderÄhnliches bei den Dreharbeiten. So gut wie nie.
Es funktioniert also.
Ja, und es verleiht eine unglaubliche Kraft und Ausdauer und hält den Stress auf Distanz. Der große Job eines Regisseurs besteht darin, sicherzustellen, dass sich jeder entfalten kann, Lösungen zu finden, wenn einer nicht sein Bestes geben kann. Ich glaube, dass die Kreativität davon profitiert, wenn Ego, Hysterie und Stressgefühle draußen bleiben. Unser Yoga-Angebot ist freiwillig, niemand muss teilnehmen. Meistens kommen so um die zwanzig Personen zusammen. Und ich fühle mich bei Drehschluss einfach nicht mehr so zerschlagen wie früher ohne Yoga.
Machen das auch die amerikanischen Stars mit?
Klar. Uma Thurman ist sehr indophil, ist sogar in Indien geboren. Und mit Reese Witherspoon ist es nicht anders. Sie absolvierte ihr Yoga in der Mittagspause, weil sie morgens in der Maske war. Das ist das Problem mit den Schauspielern.
Ihr neuer Film The Namesake behandelt den Zusammenstoß der Kulturen, den Generationskonflikt und insbesondere das Verhältnis der Hauptfigur Ashima zur Neuen Welt. Hat Ashima, die Mutter des Films, auch etwas mit Ihnen zu tun?
Meine persönliche Geschichte ähnelt der des Films, weniger Ashimas Schicksal. Ich habe auch einen großen Teil meines Lebens in Kalkutta verbracht, wo der Film gedreht wurde, ging dann nach Cambridge, Massachussetts und nach New York City – es ist die gleiche Route. Ich wollte vor allem die Zartheit der Liebesgeschichte zwischen einander fremden Partnern unterstreichen, die zuerst heiraten und dann die Liebe entdecken. Mir war dieser Aspekt im Leben unserer Elterngeneration sehr wichtig, Eltern, die eine Liebe kennen, bei der nicht die körperliche Attraktion oder die Liebesgeständnisse im Vordergrund stehen wie im Westen. Ich bewundere, wie da eine sehr leidenschaftliche und tiefe Liebesbeziehung entstehen kann, etwas, was es in unserer Generation nicht mehr gibt. Heute ist alles erlaubt, und die Vornehmheit dieser altmodischen Liebe ist verloren gegangen. Ashima kommt aus einer viel traditionelleren Welt als ich, aber ich bin sehr davon beeindruckt, wie sie das neue Leben in Amerika angeht, ohne ihre innere Stärke zu verlieren, von ihrer Fähigkeit, elastisch und flexibel mit der Sari tragenden Inderin in einer amerikanischen Vorstadt umzugehen. Sie ist sehr offen und kann auch zugeben, dass sie einen Fehler gemacht hat, als sie ihren Sohn in die Arme einer Bengali-Ehefrau getrieben hat. Aber ihre Kraft speist sich aus einem tiefen Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrer Bengali-Familie, zu ihrer Kultur, insbesondere zu ihrem Mann. Ich verstehe aber ebenso gut ihren Sohn Gogol und sein Dilemma, als Amerikaner aufzuwachsen und entdecken zu müssen, dass man nicht so einfach den eigenen Familienhintergrund verleugnen kann. Er lernt seine Lektion erst, als es beinahe zu spät ist. Mir gefällt es, wie er zu dem wird, was er wirklich ist.
Seine Bengali-Verlobte ist ja sehr verwestlicht.
Ja, sie wäre lieber eine Französin. Das ist das Schöne am Leben. Es kommt immer anders, als man denkt. Sie tut so, als wäre sie ein Mädchen aus einem Godard-Film.
Sie leben ein Leben mit drei Identitäten, in Indien, Uganda und New York. Wie geht das eigentlich zusammen?
Ich kann fliegen, weil meine Wurzeln so stark sind. Es hilft mir, dass ich aus Indien stamme, dass ich dieses tiefe Gemeinschafts- und Familiengefühl mitbringe. Auch das habe ich von Yoga gelernt. Ganz gegenwärtig zu sein, wo man gerade ist. Alles, was man besitzt, ist dieser Moment in der Gegenwart. Als ich das verstand, wusste ich, dass dort mein Zuhause war, wo sich meine Familie, mein Mann und mein Sohn, aufhielt. Dass das, wo wir gerade sind, unsere Heimat ist. Ich habe ein erfülltes Leben, egal wo ich mich aufhalte. In Kampala habe ich vor achtzehn Jahren einen Garten angelegt, an dem ich sehr hänge. Vor drei Jahren habe ich dort das Filmlabor MAISHA für Studenten aus Ostafrika und Südasien ins Leben gerufen. Jeden Sommer verwandeln wir uns fünf Wochen lang in ein Rekruten-Camp fürs Kino. Unser Credo: Wenn wir nicht unsere eigenen Geschichten erzählen, erzählt sie keiner. Unser Ziel wäre es, eine lokale Filmkultur aufzubauen.
Bollywood ist im Westen sehr populär geworden. Warum gefällt uns Bollywood?
Vielleicht weil es so unerschrocken auftritt. Da ist kein Platz für Subtilität. Es ist mit Gesang, Tanz und Frohsinn leicht zu verstehen, seine Farben und seine Schönheit setzen den Kopf für zwei oder drei Stunden außer Kraft. Es ist voll von menschlichen Gefühlen, manchmal in Gestalt von Edelkitsch, manchmal sehr real und ironisch. Es baut auf einigen wenigen dramatischen Grundmustern auf. Es ist doch sehr schön, in eine Welt einzutreten, in der man sich wiedererkennt und doch mit einer anderen Sprache sprechen muss. Eine Traumwelt mit einer Basis in der Realität.
In Monsoon Wedding haben Sie versucht, Bollywood und westliches Drama zu verbinden, was einigen Kritikern nicht gefallen hat. Es wurde auch vom „World Cinema“, von einer universellen Kinosprache, gesprochen.
In Monsoon Wedding gibt es überhaupt keine Mischung. Es ist ein alternativer Entwurf zu Bollywood in dem Sinne, dass es die Wirklichkeit einer indischen Panjabi-Hochzeit vorführt. Ein Bollywood-Film über eine Hochzeit würde völlig anders aussehen. Es ist so, dass Bollywood heute ins Familienleben eingedrungen ist. In meiner eigenen Familie haben wir uns bei einer Hochzeit am Harmonium zusammengesetzt, gesungen und getanzt. Heute tut man das auch noch, aber dann tritt die Nichte, die am meisten sexy ist, am Abend auf, um eine Bollywood-Heldin zu imitieren und die populärste Tanznummer vorzuführen
Eine Art Karaoke?
Genau. Es ist Karaoke. Vor zehn Jahren gab es das noch nicht. Heute ist jede Hochzeit so. Ich habe also einen Film über eine ganz reale Hochzeit gedreht. Es ist eine große Kunst, einen Bollywood-Film zu drehen. Ich tue nichts, was andere besser können. Ich mache mein eigenes Ding.
Wie kommen Sie in Ostasien an? Ebenso gut wie bei uns?
Ich bin glücklich darüber, dass ich zwei große kommerzielle Erfolge in Indien hatte, mit Salaam Bombay in den Achtzigern, als es noch keine alternativen Distributionskanäle gab. Heute gibt es kleinere Multiplexe, die auf ernsthafte Filme warten. Salaam Bombay lief in Indien immerhin 27 Wochen lang, ein großer Erfolg. Monsoon Wedding war ein Hit in ganz Indien. Ich wundere mich darüber, dass auch mein Publikum im Westen so gewachsen ist. Jetzt liegt ja schon ein ganzes Werk vor, und die Zuschauer warten auf meinen nächsten Film. Das finde ich toll.
Sie sind eine privilegierte Filmemacherin, aber Sie sind auch eine starke Frau, die auf diesen Erfolg hingearbeitet hat.
Ja, ich bin eine Kämpferin, aber ich habe auch einsame Momente wie jeder andere. Aber ich bin eben so verrückt, daran zu glauben, dass ich eine Geschichte habe, die unbedingt erzählt werden muss.
Und Vanity Fair nach William Thackeray? Für mich war es ein sehr indischer Film. Wie nähern Sie sich einem westlichen Stoff, einer literarischen Vorlage?
Ich mochte Vanity Fair schon mit 16, als ich in einem irischen katholischen Konvent in Indien erzogen wurde. Wir sind mit englischer Literatur aufgewachsen, mit Shakespeare, Blake und Yeats. Und Becky Sharp gefiel mir besonders gut, weil sie – wie wir alle damals – gegen das System rebellierte. Thackeray ist in Indien geboren und aufgewachsen, er sah seine eigene Gesellschaft immer mit den Augen eines Außenseiters, so wie ich auch. Er war sich darüber im Klaren, dass der Raub der Kolonien England mit dem Reichtum für ein neues Imperium versorgte. Er liebte Essen und Mode und schrieb im Detail über die üppigen Stoffe, die man schon damals aus Indien importierte. Ich wollte Beckys Geschichte im Kontext der damaligen Zeit erzählen. Es war nicht die indische Regisseurin, die all diese Farben und Paisleys in den Film brachte, es war Thackeray selbst.
Zurück zum Thema: „Zusammenstoß der Kulturen“. Hat das Ihrer Meinung nach seit dem 11. September 2001 eine neue Qualität angenommen?
Ich denke nicht, dass Terror eine islamische Tradition ist. Das ist mir sehr wichtig. Ich denke, dass der Krieg gegen den Terror den Terror erst hervorgebracht hat, dass die Antworten und Vorgänge in der Welt noch viel größere Mauern aufgebaut haben, statt die Verständigung voranzutreiben.
Haben Sie das am eigenen Leib gespürt?
Monsoon Wedding kam ein paar Monate nach 9/11 ins Kino. Und da gab es durchaus Ängste, was Leuten wie uns passieren würde. Aber nachdem der Film herausgekommen war und die Massen ins Kino strömten, konnten sie sich ein eigenes Bild davon machen, dass wir ganz anders waren als die von den Medien geschilderten Moslems, als der Andere schlechthin. Bei Monsoon Wedding wurde vielen Leuten klar, dass wir nicht „die Anderen“ sind, sondern Menschen wie du und ich. Das gehört zum Wunder des Films: Er kann entmystifizieren. Ich glaube fest daran, dass Menschen einfach Menschen sind, dass alle Verrücktheiten und Verliebtheiten zur ganzen Welt gehören und nicht den einen Teil über den anderen Teil erheben. Ich hatte immer den Eindruck, dass meine Filme universaler werden, wenn sie lokaler werden. Das ist jetzt auch bei The Namesake der Fall, der ganz in einer Bengali-Familie verwurzelt ist. Ich hoffe, dass die Zuschauer sich darin wiederfinden und nicht das Gefühl haben, es solle ihnen eine Lektion über Indien erteilt werden.
Wo liegt für Sie der Unterschied zwischen einem Dokumentar- und einem Spielfilm?
Da besteht kein Unterschied. Auch nicht bei meinen AIDS-Filmen, die ich gerade produziere, die nichts mit dem Gesundheitsministerium zu tun haben. Es werden reine Unterhaltungsfilme. Zwölf Minuten mit großen Stars und sehr kommerziell aufgezäumt … Sie sollen aufrütteln, nicht belehren.
Werden sie im Kino gezeigt?
Ja, ich produziere vier Teile, führe bei einem selbst Regie. Sie werden jeweils vor einem Bollywood-Blockbuster laufen und die gleichen Stars zeigen, die anschließend die Hauptrollen spielen. Die Serie heißt AIDS-Hago. Hago ist ein Hindi-Wort und bedeutet: „Wach auf!“. In Indien hat es bisher keine Massenaufklärung über AIDS gegeben.
Ist das Kino in Indien immer noch so mächtig – trotz Fernsehen und DVD?
Filme sind riesig. Es ist eine erstaunlich vitale Form. Sie können sich das nicht vorstellen, wie groß die Liebe zum Kino und zu seinen Stars in Indien ist.
Sie haben bisher sieben Filme mit der amerikanischen Produzentin Lydia Dean Pilcher gedreht. Ist es wichtig für Sie, auf dieser Ebene mit einer Frau zu arbeiten?
Ich habe das Glück, dass ich eine „filmmaking family“ um mich schare. Das hat schon mit Salaam Bombay angefangen. Und am liebsten würde ich nur Filme mit Lydia Pilcher drehen. Sie kennt meine Träume und weiß als eine „kreative Produzentin“, wie sie zum Leben erweckt werden. Das gibt es sehr selten. Sie weiß, wie man aus einer Erdnuss ein Epos macht. Ich glaube auch, dass die neuen weiblichen Studio-Executives eine größere Wahrnehmung und ein Interesse für Themen und Geschichten mitbringen, von denen Männer null Ahnung haben. Und diese Filme können Berge von Geld einspielen. Dabei hatten die Frauen hinter den Kulissen eigentlich immer ihre Hände im Spiel. Aber ich sehe mich nicht als eine Frau, die in Hollywood Frauenfilme macht. Ich mache meine eigenen Filme. Wenn sie zu mir kommen mit Angeboten wie Vanity Fair oder The Perez Family, dann suchen sie nicht die Frau, sondern meine Sensibilität. Sie wollen mein kinematografisches Vokabular. Das allein zählt.
Die Biografie
Mira Nair wurde 1957 in Bhubaneshwar im indischen Bundesstaat Orissa geboren. Sie besuchte eine katholische Schule und studierte an der Universität von Delhi Sozialwissenschaften. Mit 19 Jahren ging sie mit einem Stipendium an die US-amerikanische Eliteuniversität Harvard. Drei Jahre später drehte Nair ihren ersten Film Jama Masjid Street Journal. Für India Cabaret, den letzten Dokumentarfilm einer vierteiligen Reihe erhielt sie 1985 den Preis des American Film Festivals. International bekannt wurde die Regisseurin erst 1988 mit dem Film Salaam Bombay!. Heute lebt Mira Nair in New York, Delhi und der ugandischen Hauptstadt Kampala. Sie ist mit dem Ugander Mahmood Mamdani verheiratet und hat einen Sohn. Neben ihren Spielfilmen, deren Spektrum vom zeitgenössischen Drama bis zum Kostümfilm reicht, drehte und produzierte sie immer wieder Dokumentationen. Außerdem lehrt sie an der New Yorker Columbia University.
Filmografie Mira Nair
2006 The Namesake, Regie und Produktion
2004 Vanity Fair, Regie
2002 11'09''01 - September 11 (Segment „India“), Regie
2003 Still, The Children Are Here, Produktion
2002 Hysterical Blindness (TV-Doku), Regie
2001 Monsoon Wedding, Regie und Produktion
2001 Bollywood Calling, Darstellerin
1999 The Laughing Club of India (TV-Doku), Regie
1998 My Own Country (TV-Drama), Regie und Darstellerin
1996 Kama Sutra: A Tale of Love, Regie, Buch und Produktion
1995 The Perez Family, Regie und Darstellerin
1993 The Day the Mercedes Became a Hat (Kurzfilm), Regie
1991 Mississippi Masala, Regie, Darstellerin und Produktion
1988 Salaam Bombay!, Regie, Buch und Produktion
1987 Children of a Desired Sex (TV-Kurzfilm), Regie
1985 India Cabaret (TV-Doku), Regie
1983 So Far From India, Regie
1979 Jama Masjid Street Journal, Regie
epd Film 6/2007


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