|
Slumming August Diehl in einer schwarzen österreichischen Komödie
Der Regisseur und Kameramann Michael Glawogger wurde bekannt durch die Dokumentationen Megacities und Workingman’s Death, zwei Filme, die der Auswirkung der Globalisierung hinterherspüren. Auch sein neues Werk, ein Spielfilm, im letzten Jahr auf der Berlinale vorgestellt, ist gewissermaßen grenzüberschreitend. Im Grunde stellen sie zwei Seiten einer Medaille dar, so unterschiedlich sie auch erscheinen mögen. Der eine, der Kallmann heißt, ist ein versoffener und enervierender Penner, Gedichte schreibend und Flüche ausstoßend. Paulus Manker spielt ihn, gleichsam als apokalyptischen Heroen des Wiener Prekariats. Der andere, der nur Sebastian genannt wird, ist ein arroganter, stinkreicher Schnösel, der von brennender Langweile getrieben im schweren BMW durch Wien gleitet. August Diehl spielt ihn, gleichsam als postmodernes Milchbubi-Monster, als Vienna-Psycho, der sich provozierend über Gut und Böse erheben will.
Dieses Slumming hat den österreichischen Regisseur Michael Glawogger wohl besonders interessiert. Thematisiert er hier doch kritisch und ironisch zugleich einen Grundzug des Austria-Kinos der letzten Jahre, dem auch er selbst sich nicht immer entziehen konnte: den obsessiven Hang zum Schmuddel-Exzess, die fast ethnografisch genaue Darstellung des Trostlosen.
Kallmann und Sebastian, sie sind zwei Suchende. Und vielleicht ist Kallmann, die untere Seite der Medaille, sogar der Stärkere in diesem Duett. Er ist einer, der ankommen wird, gerade weil ihm als „Opfer“ keiner die innere Stärke zutraut. Slumming ist ein beeindruckendes Puzzle über das Leben in Zeiten der Information und über das Filmemachen in Zeiten des fiktionalen Overkills. Nur manchmal droht der Film in die Symbolfallen des Arthouse-Kinos zu tappen: wenn die Kälte der Gesellschaft durch Schneelandschaften annonciert wird. Oder wenn „spießige“ Gartenzwerge für innere Dämonen herhalten müssen. Hans Schifferle Gut gespielte und mit August Diehl und Paulus Manker hervorragend besetzte ironisch-melancholische Tragikömodie über einen versoffenen Penner und einen arroganten Schnösel, der sich wie ein gottgleicher Regisseur geriert. Glawogger reflektiert in dieser Wiener Begegnung zudem das österreichische Kino und das eigene Filmemachen. Österreich/Schweiz 2006. R: Michael Glawogger. B: Barbara Albert, Michael Glawogger. P: Erich Lackner. K: Martin Gschlacht. Sch: Christof Schertenleib. M: Peter von Siebenthal, Daniel Jakob, Till Wyler. T: Luc Yersin. A: Maria Gruber. Ko: Martina List. Pg: Bavaria/Lotus/ Dschoint Ventschr/Coop 99. V: alpha medienkontor. L: 96 Min. DEA: Berlinale 2006. Da: Paulus Manker (Kallmann), August Diehl (Sebastian), Michael Ostrowski (Alex), Pia Hierzegger (Pia), Martina Zinner (Marianne), Maria Bill (Herta), Brigitte Kren (Sonja). Start: 19.4. (D) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
||||||





Zwei Seiten einer Medaille: weil sie beide Fremde sind in der eigenen Stadt, weil sie beide einsame und auch unsympathische Drifter sind in einer eiskalten Umwelt. Und vor allem: weil sie beide gerne manipulieren und in verzerrter Weise die Kontrollmechanismen der Gesellschaft zelebrieren. Während Kallmann durch U-Bahn-Wagen schlurft und ironisch und aggressiv zugleich nach Fahrscheinen fragt, schikaniert Sebastian in spielerisch-grausamer Weise seine zahlreichen weiblichen Internetbekanntschaften. Für Kallmann wie für Sebastian ist das reale Umfeld quasi zur Fiktion geworden. Kallmann tritt in dieser Fiktion als verdutzter, aber auch listiger Akteur auf, Sebastian markiert einen gottgleichen Regisseur. Er liebt die Clous, die pranks, die richtig bösen Scherze. Sebastians bevorzugter Abenteuerspielplatz setzt sich dabei aus den Elendsquartieren und Randgebieten mitten in der Stadt zusammen. Die fremde Exotik schäbiger Bars und armseliger Ausländerkneipen hat es ihm angetan. Slumming nennt er seine dandyhaften Touren in die Zonen des Trash-Lebens.
Ein anderer Begriff gesellt sich in Glawoggers Film zu dem des Slumming: Der Schicksals- oder Zufallsbegriff. Hier liegt gerade der Schnittpunkt des österreichischen Kinos mit dem internationalen Kunstkino. So gehorcht in Slumming die Geschichte einer Art Chaostheorie der Emotionen wie etwa auch bei Julio Medem oder Marc Forster. Es sind unsichtbare Kraftlinien, die Kallmann, Sebastian und auch noch Pia miteinander verbinden. Pia, eine Internetbekanntschaft, in die sich Sebastian tatsächlich verliebt hat. Eine Art unterschwelliger Gegenkommunikation entsteht jenseits digitaler Info-Quellen. Wie von einer seltsamen Zentrifugalkraft getrieben, driftet die Story aus Wien hinaus und führt zuerst nach Tschechien, dann bis nach Asien. Und doch bleibt diese Story in einer globalen Enge.