Der gute Hirte

Matt Damon als CIA-Agent in einem Film von Robert De Niro

© Fotos: UIP

Als Produzent und Schauspieler hat Robert De Niro derzeit mehr als zehn Projekte in der „Pipeline“. Der Regisseur De Niro aber lässt sich Zeit: Seit seinem schauspielstarken Debüt In den Strassen der Bronx sind dreizehn Jahre vergangen. Mit Der gute Hirte nimmt der Oscarpreisträger am Wettbewerb der Berlinale teil.

Robert De Niros zweite Regiearbeit ist ein facettenreich erzählter Spionagethriller über die Geburt des amerikanischen Geheimdienstes CIA im Kalten Krieg – gesehen durch die Hornbrille von Edward Bell Wilson (Matt Damon). Die Figur ist zwar Fiktion, ihre Geschichte basiert aber auf dem Leben von James Jesus Angelton, dem Gründer und Chef der CIA-Spionageabwehr von 1954 bis 1974. In zweieinhalb Stunden hat De Niro von Verrat, Attentaten, brutaler Folter, Eheproblemen und Vater-Sohn-Spannungen bis zur gescheiterten Invasion in der Schweinebucht von Kuba alles gepackt, was sich cineastisch brillant darstellen lässt. Eric Roths Drehbuch liefert eine Reihe pointierter Dialoge – inklusive wundervoller Spionprosa; die Darsteller Angelina Jolie, Alec Baldwin, Billy Crudup, William Hurt, Joe Pesci und John Turturro gehören zur Creme der amerikanischen Schauspielriege – mit De Niro selbst sind fünf Oscargewinner darunter.

Trotzdem bleibt man als Zuschauer seltsam distanziert mitten im heißen Kalten-Kriegs-Manöver. Das liegt an der sicher treffenden Charakterstudie des Menschen Edward Wilson, der mit grauem Hut und schlecht sitzendem Trenchcoat so entschieden farblos wirkt wie Ulrich Mühe als Stasischnüffler in Das Leben der Anderen. Matt Damon nimmt sich dabei so zurück, dass alle Emotionen auf der Leinwand verflachen – sowohl Sympathie als auch Antipathie. Ganz selten flammen Ärger, Begierde oder Bedauern in Damons stoischem Gesicht auf. Der Mann, der zur Entspannung Buddelschiffe bastelt, ist weit entfernt vom Glamour eines James Bond: Loyalität gegenüber Amerika, der Motor für seine Existenz, ist nun mal nicht sexy, sondern verführt zu verstohlenem Gähnen. Als bürokratisch wirkender Held der Spionageabwehr ruft er eher Desinteresse hervor.

Als Mischung aus Geheimbund und Postamt wird die CIA auch gerne bezeichnet. Und beides kommt in Der Gute Hirte nicht zu kurz. Der höchst geheime, traditionsreiche Studentenbund „Skull and Bones“ mit seltsamen homoerotischen Aufnahmeriten an der Elite-Universität Yale zieht 1939 den jungen Wilson in seinen Bann. Dort wird er vom FBI-Chef Sam Murach (Baldwin) rekrutiert, um seinen Literaturprofessor Dr. Fredericks (Michael Gambon) zu denunzieren, der während des Zweiten Weltkriegs eine Nazi-Organisation gründet. Sein Spionagehandwerk für die O.S.S (Office of Strategic Services ), den Vorgänger der CIA, lernt Wilson jedoch im Zweiten Weltkrieg beim britischen Verbündeten. In London geht er bei dem sehr viel mondäneren Arch Cummings (Billy Crudup) in die Lehre. Es ist der Beginn einer wunderbaren, lebenslangen Freundschaft.

Als sich nach Kriegsende die Fronten zwischen den USA und der Sowjetunion verhärten, greift General Bill Sullivan (De Niro) auf die Expertise von Wilson zurück: Die CIA soll gegen russische Spione vorgehen. Der Aufsteiger ist natürlich dabei, wenn das Vaterland ruft. Und wenn der CIA-Chef Philip Allen (William Hurt) andeutet, dass man die Samthandschuhe ausziehen könne, um an Informationen zu kommen, nickt Wilson auch zu Folterpraktiken. Den dirty job lässt er dann allerdings von anderen machen.

Der Titel, ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium („Der gute Hirte gibt sein Leben hin für die Schafe“), wirkt vor diesem Hintergrund zynisch. Die Grenzen zwischen Spitzeln und Bespitzelten, Wächtern und Bewachten lösen sich am Ende auf. Wie die CIA genau tickt, erfährt man nicht, abgesehen davon, dass auch der erfahrenste Agent dem falschen russischen Spion auf den Leim geht. Wem er trauen kann, weiß Wilson schon lange nicht mehr – bis hinein ins eigene Bett. Seine Geliebte Martina Gedeck als deutsche Übersetzerin Hanna Schiller im Nachkriegs-Berlin muss jedenfalls dran glauben. Ihr Hörgerät hält Wilson für eine Wanze: Bei einem Date wird sie von Kugeln durchsiebt.

Ein tragisches Ende muss auch die kubanische Verlobte seines Sohnes nehmen, die Wilson dafür verantwortlich macht, dass Fidel Castro von der geplanten Invasion in der Schweinebucht im April 1961 Wind bekam. Die strahlende Angelina Jolie als Wilsons ungeliebte Ehefrau Glover ist übrigens leider fehlbesetzt. Nach einem spektakulären Auftritt als Verführerin, mit dem sie sich Schwangerschaft und Ehemann sichert, muss sie sich für den Rest des Filmes schon sehr anstrengen, das abgehärmte, vernachlässigte Heimchen am Herd zu mimen. „Willst du die Welt retten?“, fragt sie kokett an ihrem Hochzeitstag. „Ich gebe mein Bestes“, antwortet ihr Ehemann gänzlich uneitel.             Katja Guttmann

 

Matt Damon geht als Mann ohne Eigenschaften durch einen Film, der seine kolportagehafte Geschichte mit bemerkenswertem Understatement und Mut zur Unbestimmtheit ausbreitet: Zwischen Gut und Böse lässt sich am Ende kaum mehr unterscheiden.

 

The Good Shepherd

USA 2006. R: Robert De Niro. B: Eric Roth. P: James G. Robinson, Jane Rosenthal, Robert De Niro. K: Robert Richardson. Sch: Tariq Anwar. M: Marcelo Zarvos, Bruce Fowler. T: Tom Nelson. A: Jeannine Oppewall, Robert Guerra. Ko: Ann Roth. Sp: Stefe Kirshoff. Pg: Universal/American Zoetrope/Morgan Creek/Tribeca. V: UIP. L: 167 Min. FSK: 12, ff. Da: Matt Damon (Edward Wilson), Angelina Jolie (Clover/Margaret Russell), Alec Baldwin (Sam Murach), Tammy Blanchard (Laura), Billy Crudup (Arch Cummings), Robert De Niro (Bill Sullivan), Keir Dullea (Senator John Russell), William Hurt (Philip Allen), Martina Gedeck (Hanna Schiller).



Start: 15.2. (D), 16.2. (A), 22.2. (CH)


 


 


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