Scoop – Der Knüller

Woody Allen – ein Zauberer in London

© Fotos: Concorde

War früher New York der einzig denkbare Schauplatz für einen Woody-Allen-Film, so sieht das seit Match Point anders aus, als Allen London für sich entdeckte. In seiner skurrilen neuen Komödie geht Allen mit Scarlett Johansson ebendort auf märchenhafte Verbrecherjagd.

Wer hätte gedacht, dass Woody Allen und Scarlett Johansson ein solch hübsches Comedy-Duo abgeben können? In Allens letztem Film, Match Point, spielte die Einundzwanzigjährige – die mit Sofia Coppolas Lost in Translation bekannt wurde, derzeit in Black Dahlia und in Bob Dylans neuestem Video-Clip zu sehen ist und gerade erst von der Zeitschrift „Esquire“ zur „Sexiest Woman Alive“ gekrönt wurde – eine verführerisch-verhängnisvolle Femme fatale. Geradezu das Gegenteil ist sie nun in Scoop: ein naives Hascherl, eine amerikanische Nachwuchsjournalistin, die frisch mit dem Studium fertig ist und Freunde in London besucht. Sie heißt Sondra Pransky, trägt hässliche Brillen, die Eulenaugen machen, und schlabbrige Sweater. Immerhin darf sie einmal in einem knallroten Badeanzug ihre ansehnliche Physis zur Schau stellen, um derart einen attraktiven britischen Aristokraten – der unter dem Verdacht steht, der berüchtigte „Tarotkarten-Serienkiller“ zu sein – an die Angel zu bekommen. Ein hübscher Twist in der Persona Scarlett Johanssons, die zunehmend aufs Femme-fatale-Fach festgelegt wird. Sie erscheint auch im biederen Gammel-Look liebreizend und entfaltet ein erstaunliches komödiantisches Talent, wenn sie das staunende Dummchen gibt, das sich dann doch, wenigstens andeutungsweise, als raffiniertes Luder entpuppt.

Match Point war Film noir in London: Geschichte eines Emporkömmlings, Reflexion über Glück, Zufall und die Amoral des Schicksals. Scoop spielt wiederum in Englands geschichtsträchtiger Hauptstadt und handelt von ähnlichen Dingen – aber im beschwingten Medium der Komödie. Woody Allen, der in Match Point nur hinter der Kamera stand, castet sich in Scoop als einen verschusselten, altmodischen Variété-Zauberer namens Splendini. Er spielt also einmal nicht – auch das eine wohltuende Überraschung – die ihm zur zweiten Natur gewordene Rolle des hysterischen, hypochondrischen, grimmigen, misanthropischen Stadtneurotiker-Narziss mit dem Motto: „Einem Verein, der mich zum Mitglied hat, würde ich niemals beitreten!“ Auch wenn er in einer Szene seinen Splendini sagen lässt: „Ich wuchs im Umfeld hebräischer Überzeugungen auf, konvertierte aber zum Narziss.“ Er übernimmt die Rolle des väterlichen Freundes, der niemals auch nur die Andeutung eines verliebten Blickes auf seine Partnerin wirft. Eine Rolle, die ihm, dem Siebzigjährigen, gut zu Gesicht steht und die er auch souverän-lässig meistert.

Woody tritt einen Schritt zurück und stellt Johanssons Sondra ins Rampenlicht. So bilden die beiden ein herrlich verschrobenes Duo und durchqueren einen coolen Mix aus Comedy und Thriller, der mit vaudevillesker Melancholie charmant verschnürt ist. Die Story enthüllt sich wundersam bizarr mit Screwball-Touch und Ausflügen ins Reich der Toten. Da tummelt sich ein kürzlich verstorbener investigativer Journalist, Joe Strombel (Ian McShane), auf einem Totenschiff. Er befindet sich auf der Überfahrt in den Hades und überlegt, wie er seine Recherchen auf Erden zu Ende bringen könnte. Einem Serienkiller, der London in Atem hält, war er hart auf den Fersen.

Mühelos springt der Film vom Totenschiff auf die Variété-Bühne, wo Maestro Splendini gerade dabei ist, Frauen zu „dematerialisieren“. Aus dem Zuschauerraum hat Splendini die ahnungslose Sondra auf die Bühne geholt und in seine Zauberbox gesteckt. Gerade dort erscheint Joe Strombel als Gespenst und flüstert Sondra den Namen des Killers zu, liefert ihr also den Schlüssel zu einer Enthüllungsstory, die sie zur Top-Journalistin machen kann. Splendini, wie alle Zauberer ein Mann unerschütterlicher Rationalität, glaubt Sondra kein Wort von der Gespenstererscheinung, begleitet sie aber doch bei ihrer detektivischen Arbeit, die sie in Upper-Class-Gefilde und ins Bett des tatverdächtigen Aristokraten führt.

Die Verrücktheit dieser Geschichte ist ihr großes Plus. Sie verbindet sich mit einer fabulatorischen Leichtigkeit, wie sie Woody Allen schon lange nicht mehr zu Gebote stand. In der Literaturwissenschaft gibt es den Begriff der Altersleichtigkeit: Wenn ein Schriftsteller nichts mehr beweisen muss, wenn er sich auch um aktuelle Erzählkonventionen nicht mehr schert, gewinnen seine Werke eine neue Frische und Leichtigkeit. Solche Schwerelosigkeit hat sich Woody Allen in Scoop erobert. London und seine neue Muse Scarlett Johansson haben ihn dazu inspiriert. Es schien früher unvorstellbar, dass er seine Geschichten jemals anderswo als in Manhattan erzählen könnte. Central Park und die Psychiatercouch im Ambiente der Big-Apple-Wolkenkratzer waren Fixpunkte seines Universums. Mit Match Point hat er London für sich entdeckt. Bei Scoop hat man den Eindruck, dass er sich dort bereits zu Hause fühlt.     

Rainer Gansera

Woody Allen und Scarlett Johansson als ein wunderbares Duo, das sich in London auf die Suche nach einem Serial-Killer begibt. Woody Allen hängt sein Narziss-Ego in den Schrank und lässt seiner komödiantisch auftrumpfenden Partnerin den Vortritt.

Scoop
USA/Großbritannien 2006. R und B: Woody Allen. P: Letty Aronson, Gareth Wiley. K: Remi Adefarasin. Sch: Alisa Lepselter. T: Peter Glossop. A: Maria Djurkovic, Nick Palmer. Ko: Jill Taylor. Sp: Richard Stammers. Pg: Focus/BBC/Ingenious/ Phoenix Wiley/Jelly Roll. V: Concorde. L: 96 Min. FBW: besonders wertvoll. Da: Woody Allen (Sid Waterman/Splendini), Scarlett Johansson (Sondra Pransky), Ian McShane (Joe Strombel), Hugh Jackman (Peter Lyman), Charles Dance (Mr. Malcolm), Romola Garai (Vivian).

epd Film 11/2006



Start: 16.11. (D), 17.11. (A)


 


 


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