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Sommer ‘04 Generationenporträt von Stefan Krohmer und Daniel Nocke
„More is not the answer“ ist auf dem Sweatshirt von Bill (Robert Seeliger) zu lesen: „Mehr“ ist nicht die Lösung, eine Kurskorrektur muss her. Der Spruch auf dem Pullover taugt als Lebensmotto nicht nur für den Halbamerikaner, der nach Jahren von sex & money & Rock´n’Roll in eine Sinnkrise geraten ist. Auch die übrigen Figuren in Sommer ‘04, deren scheinbar festgefügtes Leben Bill durcheinanderbringt, stecken in einer Sackgasse, zumindest die Erwachsenen – Jugendliche und Kinder haben bei Stefan Krohmer und seinem Drehbuchautor Daniel Nocke immer schon in einer anderen Liga gespielt. Die beiden sind seit 1999 ein erfolgreiches Team; in mehreren Filmen haben sie von Familienstrukturen erzählt. Für Ende der Saison (2001) und Familienkreise (2003) gab es dafür jeweils einen Grimme-Preis in Gold; vielbeachtet war ihr Kinodebüt Sie haben Knut (2002), eine herrliche Satire auf die Diskussionskultur der Achtzigerjahre und in gewisser Weise ebenfalls das Porträt einer Großfamilie.
Wie in diese vernunftbestimmte, gesellschaftlich angepasste, nahezu perfekt funktionierende Familie das Schicksal einbricht, ist böse Ironie. Gerade noch haben Miriam und André darüber sinniert, ob die – auch sexuell – sehr reif wirkende Livia wohl zu ihrem Sohn passt, da scheint sich Livia in den 38-jährigen Bill verliebt zu haben. Was Miriams Liberalität an ihre Grenzen bringt: Natürlich darf jede mit jedem ins Bett – aber eine Zwölfjährige? Mit einem erwachsenen Mann? Miriam will Livia schützen – und verliebt sich selbst in Bill. In einer einzigen, von Martina Gedeck mit einem fast greifbaren Subtext versehenen Szene verwandelt sich Miriams funkelndes Misstrauen gegenüber dem Unbekannten in erotische Anziehung. Was ein bizarres Konkurrenzverhältnis zwischen der erwachsenen Frau und dem Mädchen begründet.
Es wird viel gesegelt in diesem Film, in Sequenzen von mitreißender Dynamik, die ein schönes Gegengewicht bilden zu den vielen Gesprächsszenen. Und wie in Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ ereignet sich auch die entscheidende Wende beim Segeln. Livia hat einen Unfall; und weil Miriam und André die genauen Umstände vertuschen, hat das auch etwas von einem Menschenopfer. Martina Knoben Sommer ‘04 ist ein subtil erzähltes und inszeniertes Familiendrama mit hervorragenden Darstellern. Stefan Krohmer und Daniel Nocke porträtieren darin das liberale Spießertum, wie es die erwachsen gewordenen Sechzigerjahre-Kinder kultivieren. Deutschland 2006. R: Stefan Krohmer B: Daniel Nocke. P: Katrin Schlösser. K: Patrick Orth. Sch: Gisela Zick. T: Steffen Graubaum. A: Silke Fischer, Volko Kamensky. Ko: Silke Sommer. Pg: Ö Film/SWR/BR/WDR/ARTE. V: Alamode. L: 97 Min. FSK: 12, ff. Da: Martina Gedeck (Miriam), Peter Davor (André), Robert Seeliger (Bill), Svea Lohde (Livia), Lucas Kotaranin (Nils), Nicole Marischka (Grietje), Gabor Altorgay (Daniel), Michael Benthin (Arzt). Start: 19.10. (D) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Sommer ‘04, der in diesem Jahr in einer
Sommer ‘04 ist ein subtiles Spiel mit Andeutungen, in dem sich melodramatische Elemente sehr gut mit einem distanziert-ironischen Blick auf die Figuren verstehen. Starke Schauspieler tragen den Film, allen voran Martina Gedeck, die Miriam eine schöne Vielschichtigkeit verleiht. Was da alles aufblitzt: sexuelle Abgeklärtheit und Schüchternheit, Pragmatismus und kindliche Abenteuerlust ... Peter Davor spielt ihren Lebensgefährten André als Lehrertypen: nüchtern, bissig-distanziert und bis zur Gleichgültigkeit tolerant. Als Projektionsfläche taugt Robert Seeligers Bill, ein sportlicher Typ, der sich auf der Suche nach Lebenssinn in ein seelisches Tiefdruckgebiet verwandelt hat, das Livias Lebendigkeit gierig aufsaugt. Etwas Vampirisches haben solche Erwachsenen.
Svea Lohde schließlich als Livia ist eine wunderbare Lolita, ein sehr „heutiges“ Mädchen, das sich seiner Reize wohl bewusst ist, aber Wichtigeres zu tun hat als sie gegenüber älteren Männern auszuspielen. Ihre Ausstrahlung erinnert an die junge Nastassja Kinski; aber auch mit den unheimlichen Kindern in Sie haben Knut scheinen Livia und Nils verwandt. 