von Helmut Merschmann
Haushohe Plakate von Krrish, dem neuen Superhelden-Film aus Bollywood, hängen in der Stadt. Ganz Bombay, das sich nunmehr Mumbai nennt, ist damit gepflastert. Selbst aus den allgegenwärtigen und weitläufigen Slums, in denen 50 Prozent der Einwohner Mumbais leben sollen, ragen riesige Filmplakate heraus. Bollywood-Filmen wird eine gewisse Tendenz zum Eskapismus nachgesagt, der hierzulande mit Kitsch verwechselt wird. Die bunten Filme mit ihren rührseligen Tanz- und Gesangsnummern bergen das immanente Versprechen nach einem anderen, besseren, reicheren Leben. Man wird ja noch träumen dürfen.
Indien erlebt derzeit ein Wirtschaftswunder mit achtprozentigem Wachstum, was man Mumbai im Monsun auf den ersten Blick nicht anmerken würde. Selbst ein Superheld vom Schlage Krrish wäre hier überfordert und schnell am Ende seiner Kräfte. Endlos führt der Weg im Kleinbus durch vom warmen Dauerregen bis zu einem halben Meter hoch geflutete Straßen Richtung Norden, wo die Bollywood-Studios „Film City“ und „Filmalaya“ gelegen sind. Links und rechts wechseln sich Betonburgen und Wellblechhütten ab, geradeaus unzählige Motor-Rikschas, die eilig ausweichen, sobald sich laut hupend ein Vehikel mit mehr Pferdestärken und Dezibel nähert. Auf einmal Ruhe, Frieden und nichts als grüne Natur. Inmitten eines weitläufigen Garten Eden mit Flüssen und Bergen, in denen leibhaftige Tiger gehaust haben sollen, sind die Studioanlagen von „Film City“ untergebracht. Früher war hier die Stadt zu Ende. Inzwischen ist Mumbai um den Park herumgewuchert.
Selbst durch das Dach der Studiohalle hat der ständige Regen sich seinen Weg gebahnt – und landet in wohlplatzierten Eimern auf halber Höhe zwischen Studiodecke und Erdboden, dort wo auch die Scheinwerfer hängen. Auf der Bühne probt ein Schauspieler, möglichst schmachtend in die am Kran geführte Kamera zu blicken, bevor er fünf Schritte zurücktänzelt, eine 360-Grad-Drehung hinlegt und mit erhobenen Armen grazil zum Stehen kommt. Er ist bloß das Lichtdouble. Im Hintergrund nimmt ein Konzertorchester Platz, unzählige Kerzen werden angezündet, und 20 hellhäutige Tänzerinnen, die alle aus Russland stammen, proben Ringelrein. Lichttechniker richten die Scheinwerfer ein. Nach einer Stunde lässt sich endlich John Abraham blicken, ein neuer Jungstar am Himmel über Bollywood. Er braucht vier etwas ungelenke Anläufe, bevor Song 7, Szene 42 von Baabul (Regie: Ravi Chopra), was so viel wie Vater heißt, im Kasten ist.
Die Tanznummern des Films stammen von Vaibhavi Merchant, einer 30-jährige Choreografin, die 2001 mit einer Arbeit für den oscarnominierten Lagaan schlagartig berühmt wurde und sich mit Filmen wie Devdas (2002), dem auf der Berlinale gezeigten Veer-Zaara (2004) und Krrish einen Namen als „Romanzenkönigin“ gemacht hat. Ihrem resoluten Auftreten am Set von Fanaa merkt man das nicht an. Im Gespräch erklärt sie heiser: „Bollywood ist wie ein Buffet. Man geht am Tisch entlang und packt sich Häppchen auf den Teller.“ Geschickt kombiniert ihr Stil überlieferte Tanzformen wie Bhangra, Kathak und Kerala mit HipHop, Jazz und Modern Dance und hat sich, schaltet man „MTV India“ ein, bei der Jugend offenbar durchgesetzt.
Bollywood-Filme selbst kommen immer häufiger in Form des Pastiches daher und wagen verwegene Genre-Kombinationen. Alles fing ganz harmlos an: Nach ein paar flackernden Werbedias und der verbindlichen Aufforderung „Bitte erheben Sie sich zur Nationalhymne“ beginnt Fanaa (Regie: Kunal Kohli, Produktion: Yash Chopra) mit einer üblichen Romanze zwischen dem nicht mehr ganz zierlichen Aamir Khan und der ansehnlichen Kajol, die hier eine Blinde spielt. Eben erst erging sich das Paar beim Verlustieren im Park und bot die obligatorische „Wet Sari“-Szene zur Schau, die ein wenig weibliche Körperkontur im sonst prüden Hindi-Kino erlaubt, als – kurz vor der Pause – eine Explosion die Wandlung des Films ins Actionfach vollzieht und der Kaschmir-Konflikt plötzlich zum Thema wird. Gewieft nimmt das indische Publikum die unerwartete Kehrtwende, während der ausländische Betrachter sich verdutzt die Augen reibt.
Fanaa ist kein „Off“- oder „Beyond“-Hit, sondern echtes Bollywood-Kino, das sich gegenwärtig mit einer ordentlichen Portion Realismus aktualisiert. Nicht in allen Fällen werden die neuen Crossover-Filme vom Massenpublikum wertgeschätzt. Die indische Filmindustrie schwankt zwischen dem ewigen Aufguss von Bewährtem und Filmen wie Black (Regie: Sanjay Leela Bhansali), der ganz ohne Tanz- und Gesangsnummern auskommt und als außerordentliches Experiment gilt. Angeblich ist es ein westliches Konzept, Ironie in Bollywood-Filmen zu erkennen. Das Übermaß an Formen, Farben und Gefühlen sei uns so fremd, dass wir in ironische Lesarten flüchteten, während dies dem indischen Publikum fremd sei. Angesichts indischer Musikfernsehsender, die eine – uns wiederum sehr vertraute – Ironisierung von Kultur, Tradition und Ethnizität betreiben, lässt sich nur konstatieren, dass der „irony curtain“ längst gefallen ist. Eiserne Puristen haben zu befürchten, dass der Erfolg Bollywoods im Westen rückwirkend auf die Hindifilmproduktion Einfluss nimmt. Doch ist dies bei Drehorten in den Schweizer Alpen und vor hessischem Fachwerk nicht längst geschehen?
Die Reise fand anlässlich des Musicals „Bollywood – The Show“ statt, das von Vaibhavi Merchant choreografiert worden ist und ab 4. Oktober in Berlin gastiert. Weitere Termine unter:
www.bollywoodshow.de


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