Jenseits von Bollywood

Indiens Independent-Kino kann sich sehen lassen

von Barbara Lorey

"Kantatar"
  

Wenn man heute von indischen Filmen spricht, denkt man im Westen automatisch an Bollywood. In der Tat hat Indien es als mittlerweile weltgrößter Filmproduzent geschafft, mit einer jährlichen Produktion von fast tausend Filmen, die täglich Millionen von Zuschauern in die Kinos locken, sogar Hollywood zu überflügeln. Die bonbonfarbenen Hindifilme, mit ihren affektierten Tanz- und Gesangseinlagen und einem hocheffizienten Starsystem, werden in Indien manchmal etwas boshaft als „Opium fürs Volk“ bezeichnet. Mit ihrem ganz eigenen Stil sind die Filme inzwischen aber zu einem weltweiten Exportartikel geworden, der auch in Europa auf zunehmende Begeisterung trifft.

Die gigantische Maschinerie aus Bombay verhindert allerdings oft, dass unabhängige Kunst- und Autorenfilme den Weg aus Indien in unsere Kinos finden. Außerdem bedroht die hegemonistische Bollywood-Kultur auch zunehmend die vielfältigen und parallelen Kinematographien in Indien selbst, die, sei es in Hindi oder in einer der vielen regionalen Sprachen, die multiplen Facetten des kulturellen, historischen und gesellschaftlichen Erbes dieses Vielvölkerstaates mit ihren sozialen und politischen Konflikten widerspiegeln, und somit die Essenz Indiens und seine inhärenten Widersprüche sichtbar machen.

So ist trotz des ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwungs in Indien seit der Liberalisierung Anfang der 90er Jahre, die Anzahl der großen Filmstudios unabhängiger Produzenten,  Verleihfirmen  und  Filmkunst-Kinos dramatisch geschrumpft. Sogar das staatliche Fernsehen Doordarshan, das früher eine wichtige Rolle in der Verbreitung regionaler Filmproduktionen spielte, hat den Anteil dieser Filme in den letzten Jahren  drastisch verkürzt. Mehr noch: außer in Bengalen und Kerala sind inzwischen auch die staatlichen Geldquellen für die Filmförderung versiegt. Diese hatten von Anfang der 60er bis Ende der 80er Jahre mit zu der Herausbildung des Autorenfilms, der indischen Nouvelle vague, beigetragen, deren Vertreter wie Satyajit Ray, Adoor Gopalakrishnan oder Ritwik Ghatak den indischen Arthouse-Film weltweit bekannt machten.

Die aktuelle Situation macht es nun nicht nur den jungen sondern auch gestandenen Filmschaffenden immer schwieriger Filme außerhalb des Mainstreams zu realisieren und ihr Publikum zu finden. Zusätzliche Hürden sind mit den spezifischen Gegebenheiten des multi-ethnischen Subkontinents verbunden. So müssen Filme, die nicht in Hindi oder Englisch, sondern in einer der Regionalsprachen gedreht werden, untertitelt werden, bevor sie (wenn überhaupt) auf nationaler Ebene gezeigt werden können.

Festivals wie das International Film Festival of Mumbai (IFFM) bieten deswegen häufig eine einmalige Gelegenheit, Independentproduktionen aus den verschiedensten Regionen Indiens zu entdecken.

Das IFFM, Indiens einziges unabhängiges Filmfestival wird von der Mumbai Academy of Moving Image (MAMI) organisiert - unter dem Vorsitz Shyam Benegals, einem der vielseitigsten Realisateure des hindisprachigen Autorenfilms. Aber auch das Festival hat mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, und konnte in diesem Jahr erst in letzter Minute vor dem Aus gerettet werden. Ironischerweise ausgerechnet durch die Unterstützung eines privaten TV Senders und einer Multiplex-Kette.

Das supermoderne Adlab Multiplex-Kino in Walada sitzt mit seiner riesigen IMAX-Kuppel wie ein Raumschiff mitten im desolaten Niemandsland einer Stadtentwicklungszone am Rande Bombays. Die Fahrt zum Kino führt durch einen der schlimmsten und größten Slums Bombays und an einem gift-grünlich schimmernden See vorbei, in dem wahrscheinlich alle toxischen Abflüsse der benachbarten chemischen Industriekomplexe zusammenlaufen, deren Skyline in den heißen, dunstigen Himmel aufragt.

In der klimatisierten  Eingangshalle riecht es vertraut nach Popcorn, und beinahe könnte man meinen, man habe sich in ein Kino am Potsdamer Platz oder am Union Square verirrt. Gäbe es da nicht das anmutige Ballet der Frauen, die auf den Rolltreppen in ihren farbigen Saris durch den Raum gleiten, und die Fast-Food-Theken, die neben Hotdogs, Burgers und Cola vor allem Dal und Papathis, süßes Lhasa oder Chai Masala anbieten.

Das Programm “Indien Visions” lässt keinen Zweifel: hier gibt es das Land in seiner atemberaubenden Vielfalt von regionalen Sprachen, Kulturen und Religionen zu sehen. Ausschließlich Non-Bollywoodfilme, die sogar in Indien nur selten außerhalb ihrer Region in den Verleih kommen.

Zugegeben, nicht alle der 20 hier gezeigten Filme halten den relevanten ästhetischen Normen des so genannten Weltkinos stand, und hätten vielfach kaum eine Chance, in eines der großen westlichen Festivals zu gelangen. Zu oft kranken sie an peinigender Überlänge und unnötigen Flashbacks. Andere Filme wiederum bewegen sich mehr oder weniger erfolgreich auf dem schmalen Grat zwischen Kunst- und Kommerz.

Insgesamt konnten aber alle gezeigten Filme, die Indiens soziale und politische Realität auf unterschiedlichste Weise hinterfragen, sowohl von der Form als auch vom Inhalt faszinieren. 

So evoziert Maine Gandhi Ko Nahin Mara (I Did Not Kill Gandhi), des mehrfach preisgekrönten assamesischen Filmdirektors Jahnu Barua, der hiermit erstmalig einen Film in Hindi gedreht hat, die in der heutigen Gesellschaft vergessenen Werte Gandhis.

In Daivanamathi (In the name of God, Malayalam/2005), behandelt der in Kerala lebende hinduistische Filmemacher Jayaraaj das Erwachen des islamischen Fundamentalismus in Keralas muslimischer Malabar-Gesellschaft, vor dem Hintergrund der Ausschreitungen fanatischer Hindu-Nationalisten. Der sensible und anrührende Film versucht zu verstehen, wie junge Muslime nach den blutigen  Ausschreitungen und der Zerstörung der Babri Masjid Moschee in den Sog terroristischer Gruppen geraten, die sich durch den Hindu-Extremismus legitimiert glauben, und von diesen missbraucht und manipulierte werden. Gleichzeitig erinnert  der Film an die muslimischen Weggefährten Gandhis, die damals eine entscheidende Rolle in Indiens Freiheitskampf gespielt haben.

In einem total anderen Kontext verfolgt Dombivli Fast (Marathi/2005) von Nishikant Kamat eine Art lokale Mumbai-Variante von Joel Schumacher’s Falling down - die  zunehmende Frustration eines gewöhnlichen Mittelschicht-Bürgers aus Bombay, die sich schließlich in einer mörderischen Gewalttat entlädt. Dombivli Fast ist der Name einer der Vorortzüge, die tagtäglich Millionen von Menschen in die Großstadt und wieder hinaus transportieren. So auch unseren gewöhnlichen Bankangestellten, der eines Tages plötzlich ausrastet, und sich von einem unscheinbaren Nobody in einen gnadenlosen Rächer gegen die durch und durch korrumpierte Gesellschaft verwandelt.

Mit Dansh (Sting, Hindi/2005) führt uns Kanika Verma nach Mizoram, einen Staat im äußersten Nordosten Indiens, in dem nie zuvor ein Film in Hindi gedreht wurde. Die Geschichte greift ein weitgehend tabuisiertes Kapitel aus dem Unabhängigkeitskrieg der separatistischen Mizo National Front auf, die in den  60er Jahren versuchte, sich von Indien abzuspalten und nach jahrelangen, blutigen Kämpfen schließlich einen Friedensvertrag mit der Regierung schloss. Der Film stellt die Frage nach dem Preis, den Menschen für so einen Frieden bezahlen müssen.

Eine besonders lebendige und reichhaltige Kinematographie hat der Staat Bengalen zu bieten. Von dort waren drei Filme im Festivalprogramm vertreten.

Rituparno Ghosh erzählt in seinem farbenprächtigen, im Bengalen des 19. Jahrhunderts angelegten Drama Antarmahal (Foto) (2005), ähnlich wie in seinem Vorgängerfilm Choker Bali, von der brutalen Unterdrückung der Frau. Als Bühne wählt er diesmal den pompösen Palast eines tyrannischen, alternden Fürsten, und überrascht durch eine, für das eher prüde Indien, recht explizite Sprache.

Auch in Kantatar (Foto)(Barbed Wire, Bengali 2005) steht das Schicksal einer Frau im Mittelpunkt. Der Film zeigt die Geschichte der illegalen Emigrantin Sudha, die vor dem Hintergrund einer drohenden Militärinvasion auf beiden Seiten der mit Stacheldraht umzäunten Grenze zwischen Indien und Bangladesch hin und her irrt, und dabei immer wieder ihre Religion und ihre Ehemänner wechselt.

Die plötzlich beschworene Gefahr von Terroristen verändert dann auch die Beziehungen sämtlicher Einwohner des abgelegenen Grenzgebiets, und löst Angst und Misstrauen aus. Dabei legt sich der in der verlassenen Gegend von Jharkand gedrehte Film jedoch nie auf eine bestimmte, real existierende geopolitische Situation fest. Er könnte genau so gut im Iran, Irak oder Tschechenyen spielen.

Als ambitioniertester und herausragendster Film des Festivals bleibt allerdings Suman Mukhopadhyays Debutfilm Herbert (2005) in Erinnerung, dessen Filmsprache trotz seiner Länge und einiger Schwächen fasziniert. Er basiert auf einer preisgekrönten Novelle des bekannten und auf Grund seiner politisch linken Position ebenso umstrittenen Schriftstellers, Nabarun Bhattacharya. Die vielschichtige Erzählung spürt anhand der Geschichte des Außenseiters Herbert den sozialen und politischen Veränderungen Kalkuttas nach, und spannt dabei einen Bogen über fünfzig Jahre indische Geschichte. Angefangen von der britischen Kolonialherrschaft über die Dekolonisierung und die Entstehung der marxistischen Naxalit-Bewegung bis hin zur globalisierten Wirtschaft der 90er Jahre.


 


 


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