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In den Süden Charlotte Rampling als Sex-Touristin
Wie man aus historischen Quellen weiß, ist Sex-Tourismus wahrlich keine Neuerfindung; zum diskussionswürdigen Thema ist er aber erst in den letzten Jahren geworden. Dieses aufkommende Interesse hat weniger mit Empörungswillen, Moral- oder Sexualitätsfragen zu tun als damit, dass sich im Sex-Tourismus ganz unmittelbar die globalen Machtverhältnisse zeigen. Der Ausverkauf der Körper sagt mehr aus über den Zustand eines Landes als die Höhe des Bruttosozialprodukts. Und das umso deutlicher, wenn es Frauen sind, die das soziale Gefälle zwischen den Hemisphären für die eigene Bedürfnisbefriedigung ausnutzen. Es erscheint deshalb nur konsequent, dass ein Regisseur wie Laurent Cantet, der mit Filmen über Arbeitslosigkeit und Outsourcing bekannt wurde, sich des Themas annimmt. Gerade weil es so aktuell anmutet, befremdet zunächst die zeitliche Verortung: Haiti in den späten Siebzigerjahren, heißt es zu Beginn. Ohne diese Ankündigung wäre man nicht unbedingt drauf gekommen; Vers le Sud ist kein „Kostümfilm“, der versucht, die Atmosphäre einer Zeit einzufangen.
Wie überhaupt vieles, was an diesem Film auf den ersten Blick unangenehm berührt, sich auf den zweiten Blick als Erzählstrategie entpuppt. Die Peinlichkeit der Ausgangssituation – Frauen um die 50, die um einen 18-Jährigen konkurrieren – versucht der Film erst gar nicht zu verschleiern. Charlotte Rampling spielt Ellen, Professorin an der renommierten Wellesley-Universität; eine selbstbewusste und mit böser Zunge begabte Frau, die einem Alphaweibchen gleich eine treue Gefolgschaft um sich schart, die willig so manche Demütigung von ihr zu ertragen weiß. So unbestritten erscheint Ellens herausragende Stellung, dass man zuerst nicht wirklich versteht, warum sie sich durch Brendas Ankunft, mit der die Handlung einsetzt, so irritiert zeigt. Sicher, Brenda wirft Legba, dem schönen haitianischen Begleiter von Ellen, glühend-intensive Blicke zu. In einem der inneren Monologe, die die Filmerzählung mehrfach neu positionieren, enthüllt Brenda, dass sie einige Jahre zuvor mit eben diesem Jungen ihren ersten Orgasmus erlebte. Es fällt Ellen leicht, die Pseudo-Romantik von Brendas Liebesverlangen zu verspotten, auch macht sie sich keinerlei Illusionen über Legbas Interessen in diesem Dreieck – woher also diese tiefe Beunruhigung?
Das Tempo des Films ist von eigentümlicher Getragenheit. Das rührt daher, dass Cantet seine Zuschauer geradezu zwingt, die unangenehmen Seiten des Themas auszuhalten: Ob Brenda von ihrer sexuellen Erweckung mit 45 erzählt oder Legba Ellen gegenüber ausspricht, wie alt sie mit nassen, am Kopf klebenden Haaren aussieht – der Film buchstabiert die Widrigkeiten dieser ungleichen erotischen Verhältnisse förmlich durch. Erstaunlich direkt zeigt er auch, wie fließend die Grenze zur Kinderprostitution verläuft, wenn sich diese Frauen im besten Mutteralter den Minderjährigen zuwenden. Cantet zeigt seine Figuren also alles andere als vorteilhaft, aber er nimmt sie mit ihren Bedürfnissen ernst – und das macht diesen Film trotz aller negativen Gefühle, die er auslöst, sehenswert. Barbara Schweizerhof Der in den Siebzigerjahren angesiedelte Film nimmt zwei ältere Frauen ins Visier, die in einem karibischen Strandresort um einen 18-jährigen Einheimischen konkurrieren. Regisseur Cantet präsentiert seine Heldinnen schonungslos und kritisch, fern jeglicher Denunziation. Vers le sud Start: 21.9. (D) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Bezeichnenderweise gibt es auch in den Gesprächen der durchaus intellektuellen Frauen, die hier in einem gepflegten Strandresort ihren Urlaub verbringen, keinerlei Hinweise auf zeittypische Ereignisse. Diese Auslassung scheint System zu haben – Cantet setzt seine Hauptfiguren außerhalb von Zeitgenossenschaft, und das bedeutet auch: in eine Blase der Selbstsucht.
Die Hauptkonfliktlinie des Films verläuft vielleicht überraschend nicht zwischen Weiß und Schwarz, zwischen Wohlstand und Armut, sondern zwischen diesen beiden Frauen. Sämtliche Nebenfiguren fungieren lediglich als verstärkende oder auch abschwächende Schaltstellen ihrer Auseinandersetzung, bei der sich fast unmerklich die Rollen im Lauf des Films vertauschen. Zu Beginn ist Ellen die gefühllose Zynikerin, die sich über Brendas Sentimentalität lustig macht. Wie nur sie es kann, gelingt es Charlotte Rampling in dieser Rolle, hinter Herrschsucht und Boshaftigkeit Verletzlichkeit und charakterliche Integrität aufblitzen zu lassen. Am Ende nämlich stellt sie sich als die wahre – unglücklich – Liebende heraus, während die kuhäugige Brenda ihr eigenes Ideal ans Amüsement verrät.