Cars: Ganz retro
Ein Animationsfilm für Autofans


Der Anfang ist kaum auszuhalten: ein Bombardement von rasant geschnittenen High-Tech-Bildern, aus denen animierte Flammen schießen und die manchmal selbst explodieren. Ein Geschwindigkeitsrausch, unterlegt mit hochgezogenen Tönen, dazu wiederholt das beschwörend gesprochene Zauberwort „Speed“ (selbst in der deutschen Synchronfassung ist dieser Begriff geblieben). Wir befinden uns in der Welt der Autorennen, einer Welt, in der Autos sprechen und fühlen können und in der es keine anderen Lebewesen gibt: Die Rennautos steuern sich selbst, die Mechaniker wie auch die Zuschauer sind Autos.

Es dauert einen Moment, bis man sich an diese Autowelt gewöhnt hat, aber genau das ist das Thema des Films, der das Vertraute überhöht und später zur Disposition stellen wird. Irgendwann erkennt man in den Maschinen das Menschliche, einen Mund anstelle des Kfz-Kennzeichens, Augen auf der Windschutzscheibe und in alle Richtungen bewegliche Räder. Individualität gewinnen einige der Autos schon durch ihr Aussehen – der verrostete Abschlepptruck Hook mit seinen zwei vorstehenden Vorderzähnen und fehlender Kühlerhaube, oder Guido, der Gabelstapler, weil er ebenso schmal wie hoch ist. Die anderen werden durch ihr Tun zu Individuen, aber da sind wir schon in einer ganz anderen Welt als der des Rennsports, in einem Wüstenkaff namens Radiator Springs, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Dorthin verschlägt es den Helden der Geschichte, den jungen, feuerroten Rennwagen Lightning McQueen, der von sich selbst sagt: „I’m a one-man-show.“ Radiator Springs wäre wohl das Letzte, wo sich ein Draufgänger und Speedfreak wie Lightning wohlfühlen würde. Doch das ändert sich durch die Begegnungen mit den Einheimischen, die sich entwickelnde Liebe zu Sally, die Freundschaft zu Hook, den Respekt für Doc Hudson. „There’s a lot more to racing than winning“, begreift er im finalen Rennen und handelt entsprechend.

Das neue Pixar-Produkt Cars wendet sich an das Kind im Manne und an dessen Begeisterung für Autos, zumal jene schnittigen Modelle der Fünfzigerjahre, die die Zielgruppe heute als Modelle im Regal stehen hat. In Zeiten steigender Benzinpreise und der Krise der US-Autohersteller mutet das anachronistisch an, passt aber zum Film, der ganz retro ist, mit seiner Beschwörung eines verlorenen Amerikas der heilen Kleinstädte, die im Zuge des Fortschritts links liegen gelassen wurden, abgeschnitten von der modernen Welt der Highways. John Lasseter mag sich bei Doc Hollywood den Plot geborgt haben, aber er beschwört den Geist Frank Capras (ein rücksichtsloser Rennfahrer wird von einer raffgierigen takeover bank gesponsert) und John Fords – in einer der schönsten Szenen nimmt Sally Lightning mit auf eine Fahrt durch die Umgebung, vorbei an majestätischen Landschaftspanoramen. Ein trotziges „Yes, we’re still open“ steht auf den Schildern vor den Geschäften, die vom Fortschritt abgenabelt wurden – und am Ende erblüht tatsächlich neues Leben, allerdings nur aufgrund der Prominenz von Lightning: Cars ist auch ein Film über die mediale Präsenz, da nähert er sich den Filmen von Dreamworks an, auch mit den Parodien auf frühere Pixar-Filme, die dem Nachspann unterlegt sind. Charme hat das immer noch, nicht nur in solch hinreißenden Einfällen wie dem nächtlichen „Traktorenerschrecken“, zu dem Hook Lightning überredet. Die verlagern beim Schlafen ihr Gewicht aufs Hinterteil – und fallen um, wenn sie dabei erschreckt werden.

Die deutsche Synchronfassung setzt übrigens einen interessanten Akzent mit der Stimme von Daniel Brühl als Lightning, der dieser Figur eine gewisse Ruhe verleiht – ein überdrehter „comedian“ hätte eigentlich nähergelegen.

Frank Arnold

Im Mittelpunkt des neuen Films aus der Animationsfilmschmiede Pixar stehen nicht kuschelige Vierbeiner, sondern Autos. Ein Rennauto landet in einem Wüstenkaff im amerikanischen Hinterland, wo es begreift, dass es im Leben um mehr geht als um Beschleunigung und Sieg. Von der Hektik der Autorennen bewegt sich der Film weg zu einem anrührenden Porträt einer verlorenen Zeit.

Cars
USA 2006. R: John Lasseter. B: Dan Fogelman, John Lasseter, Joe Ranft, Kiel Murray, Phil Lorin, Jorgen Klubien. P: Darla K. Andersen. K: Jeremy Lasky, Jean-Claude Kalache. Sch: Ken Schretzmann. M: Randy Newman. T: Tom Myers. A: William Cone, Bob Pauley. Animation: Scot Clark, Doug Sweetland, Carlos Baena, Bobby Beck. Sp: Jessica Giampetro McMackin. Pg: Walt Disney/ Pixar Animations Studios. V: Buena Vista. L: 116 Min. FSK: ohne Altersbeschränkung. FBW: besonders wertvoll.

Start: 7. September 2006

epd Film 9/2006