Thank You for Smoking
Aaron Eckhart brilliert in einer Satire von Jason Reitman



Thank You for Smoking: Treffer in alle Richtungen.
©Verleih

Gute Filmsatiren sind in den letzten Jahren selten geworden. Mal ehrlich: Wann gab es das letzte Mal einen Film vom Kaliber des Player (Altman) oder To Die For (Gus Van Sant)? Wenn nun mit Thank You for Smoking ausgerechnet die viel gescholtene Zigarettenindustrie aufs Korn genommen wird, erscheint das zunächst als reichlich billiges Ziel. Umso schöner die Überraschung, dass Thank You for Smoking zum Amüsantesten und Geistreichsten gehört, das diese Kinosaison bislang zu bieten hat. Der Film ist nicht nur unerhört witzig, sondern bekommt gerade in Deutschland angesichts reißerischer Debatten um Rauchverbote eine schöne Aktualität. Regisseur Jason Reitman, Sohn des zuletzt reichlich glücklosen Ivan Reitman, gibt mit der Verfilmung von Christopher Buckleys Roman gleichen Titels sein Kinodebüt. Der erst 29-Jährige verfügt über ein seltenes Gespür für Timing und trifft mit seinem Spott so ziemlich jedes Mal ins Schwarze.

Im Mittelpunkt des Films steht Nick Naylor (Aaron Eckhart), ein „Spin-Doctor“, dessen Job darin besteht, in TV-Debatten und bei Polit-Anhörungen das Image der Tabakindustrie aufzupolieren. Naylor ist ein begnadeter Rhetoriker, sieht blendend aus und verfügt über jede Menge jungenhaften Charme. Der umwerfende Aaron Eckhart, bislang vor allem als Biker in Erin Brockovich und als fieser Yuppie in Neil LaButes In the Company of Men aufgefallen, spielt diesen Nick Naylor als nonchalanten Wortverdreher in bester Screwball-Manier. Das Clevere an Reitmans Film ist gleichwohl, dass er diesen „Devil's Advocate“ nicht mit Herablassung oder gar Verachtung porträtiert, sondern ihn als Gegenspieler bigotter Gutmenschen zum sympathischen (Anti-)Helden macht. Nick Naylor ist ein Mann, der seinen Job liebt und nach eigenem Bekunden einfach gut ist in dem, was er tut – ein „Professional“ also uramerikanischer Manier.

Regelmäßig trifft Naylor seine „Spin“-Kollegen von der Waffenlobby und der Alkoholindustrie zum Abendessen. In aberwitzig gespielten Dinnerszenen tauschen sie als selbst ernannte „MOD-Squad“ (Merchants of Death) Strategien aus und streiten darüber, welche der drei Industrien mit den höchsten Opferzahlen protzen kann. Diese wohltuende politische Unkorrektheit durchzieht den ganzen Film, der weder vor krebskranken Werbe-Cowboys (Sam Elliott) noch vor alten Tobacco-Patriarchen (großartig: Robert Duvall) oder wohlmeinenden Politikern (ebenfalls großartig: William H. Macy) haltmacht, die Zigaretten in Bogart-Klassikern durch Zuckerstangen oder Blumen ersetzen lassen wollen. Eine der bissigsten Szenen nimmt gar die Filmindustrie selbst aufs Korn und lässt Rob Lowe als aalglatten Hollywood-Agenten darüber sinnieren, wie man einen lukrativen Deal zwischen den Studios und der Tabakindustrie einfädeln könnte. Dabei ist Thank You for Smoking keine überdreht-hysterische Farce. Mit ein paar Kniffen und einer behutsam eingearbeiteten Vater-Sohn-Geschichte zwischen Naylor und seinem Sprössling Joey (Cameron Bright) gibt Reitman der Story eine menschliche und im besten Sinne moralische Grundierung wie man sie in diesem Genre nur selten findet.

Manche Kritiker haben dem Film vorgehalten, dass er nicht klar genug Stellung zu seinem Thema beziehe. Dieser Vorwurf geht allerdings an der Sache vorbei, Thank You for Smoking handelt nicht zuletzt vom Phänomen des „Spinning“ an sich. Der „Tabakstreit“ dient vor allem als Aufhänger, um eine Reihe gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Dynamiken, Interessen und Verflechtungen offenzulegen und aufs Korn zu nehmen. Und dabei landet Thank You for Smoking Treffer in alle Richtungen. Besser geht’s nicht.    

Kai Mihm

Politisch herrlich unkorrekt nimmt Jason Reitman in seinem Filmdebüt die hysterische Züge annehmenden Debatten ums Rauchverbot aufs Korn und handelt dabei gleich jede Menge anderer gesellschaftlicher Probleme ab. Hervorragend die Darsteller – von Aaron Eckhart über William Macy bis Robert Duvall.

Thank You for Smoking
USA 2005. R und B: Jason Reitman (nach dem Roman von Christopher Buckley). P: David O. Sacks. K: James Withaker. Sch: Dana E. Glauberman. M: Rolfe Kent. T: Steven Morrow. A: Steve Saklad. Ko: Danny Glicker. Pg: Fox/Room 9 Entertainment/Content. V: Fox. L: 92 Min. FSK: 12, ff. Da: Aaron Eckhart (Nick Naylor), Maria Bello (Polly Bailey), Cameron Bright (Joey Naylor), Adam Brody (Jack Bein), Sam Elliott (Lorne Lutch), Katie Holmes (Heather Holloway), David Koechner (Bobby Jay Bliss), Rob Lowe (Jeff Megall).

Start: 31. August 2006

Aus: epd Film 9/2006