Adams Äpfel
Anders Thomas Jensens Komödie um einen neurotischen Pfarrer


Der Film aus Dänemark gilt als originell, humanistisch und oft bizarr. Die neue, für den Oscar nominierte Tragikomödie von Anders Thomas Jensen, der uns bereits die Dänischen Delikatessen bescherte, passt ins Bild. Auch wenn sie den Glauben an das Gute im Kino auf die Probe stellt.

Der gewalttätige Neonazi Adam muss zur Resozialisierung aufs Land ziehen, wo er vom Dorfpfarrer Ivan betreut wird. Für Irritationen sorgt schon der Anblick des Pfarrers, der, überkorrekt mit Hemdkragen unterm Pullunder und gestutztem Kinnbärtchen, eine seltsame Verkrampftheit ausstrahlt. Als er im Auto, mit dem er seinen Schützling abholt, den zuckrigen Bee-Gees-Song „How Deep is Your Love“ abspielt, ist Adam bereits am Brodeln. Im Garten der Pfarrei prangt ein paradiesischer Apfelbaum, und als Adam erklärt wird, dass er eine selbst gewählte Aufgabe erfüllen muss, behauptet dieser schnippisch, er wolle einen Apfelkuchen backen. Der schmallippige Ivan, an dem jegliche Ironie abprallt, ist einverstanden, doch die Natur macht es Adam nicht leicht: Mal fressen Würmer, mal Raben die Äpfel, und dann schlägt auch noch der Blitz ein.

Außerdem beherbergt Ivan zwei weitere Straffällige, den arabischen Tankstellenräuber Khalid und den Kleptomanen, Trinker und Vergewaltiger Gunnar. Angesichts von Khalids Skimaske und Gunnars Schnapsflaschen in der Küche der verwahrlosten Männer-WG kann es Adam nicht fassen, mit welch sturer Ignoranz der Mann Gottes darüber hinwegsieht, dass seine verirrten Lämmer keineswegs den rechten Pfad gefunden haben. Als Adam allmählich merkt, dass Ivans Blindheit eine absichtliche Verblendung ist und der Mann sich über die Tragödien seines eigenen Lebens belügt, will er die psychische Festung, die sich der Geistliche geschaffen hat, knacken, indem er ihn mit der grausamen Realität konfrontiert.

Anders Thomas Jensen ist der bissigste unter den dänischen Regisseuren, die nicht nur in ihrer Heimat einen Anteil von 34 Prozent am Einspielergebnis erreichen, sondern mit ihren oft schwarzhumorigen Tragikomödien seit Langem im internationalen Arthouse-Kino reüssieren. Wie in Flickering Lights und Dänische Delikatessen demonstriert er auch hier sein Faible für Tabubrüche und Splatter, für einen Humor, der keine Gefangenen macht und sich ostentativ politisch unkorrekt gibt. Zugleich hat er einen Blick für diffizile Charaktere, deren Macken sich als Überlebensmechanismen erweisen. So macht er sich nicht etwa mit plattem Zynismus über des Pfarrers Gutmenschentum lustig, sondern bringt den Zuschauer, der Adams Perspektive übernimmt, dazu, sich für diesen humorlosen Zwängler und seinen obsessiven Glauben an das Gute zu interessieren.

Die dänischen Kirchenvertreter hatten schon recht, als sie der provozierenden Komödie den „Gabriel“, den „Kulturpreis der dänischen Pastoren“, verliehen. Die Pfarrei wird zur Bühne für ein Schauspiel, oder besser: eine Farce evangelischer Erlösung, die, angetrieben von psychologischen Paradoxien, einer Handvoll metaphysischer Theatertricks und oft grenzwertigen Späßen, sehr überzeugend das „credo, quia absurdum“ – ich glaube es, weil es widersinnig ist – predigt.

Starker Tobak ist etwa der Moment, in dem die verzweifelte Sarah beim Pfarrer Rat sucht: Die Entwicklungshelferin ist Alkoholikerin, weiß nicht, von wem sie schwanger ist, und erwägt eine Abtreibung, weil sie fürchtet, dass ihr Kind behindert sein könnte. Der Pfarrer, der selbst ein spastisch gelähmtes Kind hat, erzählt ihr (und sich) aufmunternd, wie fröhlich sein Sohn zu Hause spielt – und das ist noch nicht das Ende des Themas, das Jensen bis zur Neige auskostet. Da wird von Khalid, der jeden Vorwand zum Ballern nutzt, eine geliebte Hauskatze vom Baum geschossen, ein Nazi-Greis stirbt wimmernd und unentschuldigt, und wenn der neurotische Ivan unter Adams verbalen Attacken aus dem Ohr blutend in Ohnmacht fällt, ähnelt er dem Bildnis eines Märtyrers. Der hübscheste Einfall dieser Parabel ist die Figur eines alten Krankenhausarztes und lakonischen Mephistopheles, der die Ebene mitleidloser Rationalität vertritt und Adam mit ungeschminkten Informationen über Ivans grässliche Vergangenheit versorgt.

Dass diese Geschichte mit ihren vielen biblischen Anspielungen – vor allem das Buch Hiob dient als Referenz – einigermaßen rund läuft, liegt an Jensens eingeübtem Darstellerteam. Der charismatische Mads Mikkelsen (lesen Sie auch das Porträt auf Seite 11) als unduldsamer Gutmensch und heiliger Narr könnte in einer anderen Epoche ebensogut als puritanischer Eiferer durchgehen, der das Feuer an einen Scheiterhaufen legt. Unnachahmlich verwirrt ist der Gesichtsausdruck von Ulrich Thomsen als Adam, wenn er am Ende selbst die Bee-Gees-CD mit dem Jubel-Song einlegt, um den gebrochenen Ivan wieder ins himmlisch verrückte Lot zu bringen. Plötzlich wirkt der destruktive Neonazi wie ein hilfloses Riesenbaby, das merkt, was es kaputt gemacht hat. Während er eine ebenso glaubhafte wie komische Wandlung vom Saulus zum Paulus und augenzwinkernden Jünger Ivans durchmacht, bekommt Paprika Steen als labile Schwangere leider kaum Spielraum: Die Darstellerin ist hier bloß die Stichwortgeberin für Tabuthemen.

Letztlich spielt sich wie stets bei Jensen eine Clique verkorkster Jungs die Bälle zu, dieses Mal jedoch mit dem Mehrwert eines spirituellen Überbaus. Und wie in Flickering Lights ein ausgebrannter Gangsterboss den heimlichen Wunsch nach einem Restaurant hegt und in der Kannibalenkomödie Dänische Delikatessen ein verklemmter Metzger wegen der schmackhaften Marinade seiner Filets endlich geliebt wird, so läuft auch hier alles auf die handfeste Erlösung gequälter Männer am Herd hinaus. Das lutherische „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen“ wird mit dänischem Pragmatismus zum Backen eines Apfelkuchens erweitert: eine einnehmende Pointe.

Ein Neonazi muss sich zur Rehabilitation in die Obhut eines Dorfpfarrers begeben, fühlt sich von dessen Gutmenschentum provoziert und will ihm die Realität nahebringen. Die metaphysische Komödie erzählt mit biblischen Motiven und manchmal grenzwertigem schwarzem Humor eine psychologisch dichte Erlösungsparabel.

Birgit Roschy

Adams Æbler
Dänemark 2005. R und B: Andres Thomas Jensen. P: Tivi Magnusson, Mia Andreasen. K: Sebastian Blenkov. Sch: Anders Villadsen. M: Jeppe Kaas. T: Nino Jacobsen. A: Mia Stensgaard. Ko: Jane Marshall Whittaker. Pg: Nordisk/M & M/DR TV/Filmfyn. V: Delphi. L: 89 Min. Da: Ulrich Thomsen (Adam), Mads Mikkelsen (Ivan), Nicolas Bro (Gunnar), Ali Kazim (Khalid), Paprika Steen (Sarah), Nikolaj Lie Kaas (Holger), Ole Thestrup (Dr. Kolberg).

Start: 31. August 2006

Aus: epd Film 9/2006