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© Fotos: UIP |
Ein Trupp Waldtiere erwacht aus dem Winterschlaf und sieht sich eingekesselt von einer Neubausiedlung; als Mauer zwischen Suburbia und Wildnis dient eine hohe, dichte Buchsbaumhecke. Der coole Waschbär Richie will den ängstlichen Waldbewohnern beibringen, dass die neue Nachbarschaft keine Bedrohung darstellt, sondern ein Schlaraffenland, in dem sich mühelos Nahrung finden lässt. Was keiner weiß: Richie steht in der Schuld eines Grizzly-Bären, dem er seinerseits den Vorrat geklaut hat. Und auch der Kammerjäger wird ungemütlich.
Die Animationskomödie basiert auf den seit 1995 veröffentlichten Comicstrips „Over the Hedge“ und erfindet dazu eine Art Vorgeschichte. Während in Trickfilmen wie Madagascar und Tierisch wild menschelnde Zootiere zwangsweise in den Dschungel ausgewildert werden, wird hier die realistische Variante geschildert – wilde Tiere, die sich erfinderisch den Menschen anpassen. Da auch hier zu Lande Mülltonnen plündernde Waschbären inzwischen Alltag sind und zuletzt der „Problembär“ für Hysterie sorgte, ist das Thema so aktuell, wie es sich Filmemacher nur wünschen können. Aus dieser dankbaren Ausgangssituation strickt das clevere Drehbuch eine witzige Fabel, in der ausgearbeitete Tiercharaktere wie bei Jean de La Fontaine den Menschen einen Spiegel vorhalten und zugleich zum Sprachrohr für zeitgeistige Thesen über Junkfood, Konsumwahn und K.-o.-Moral werden.
So steht die weise, betuliche Schildkröte Verne für einen peniblen Dorfvorsteher, der auf den Tag genau den Wintereinbruch und die Menge der Vorräte weiß und dem unternehmerisch-kreativen Trickser Richie instinktiv – „Mein Schwanz zittert!“ – misstraut. Während Verne noch für Vollwert-Rindenstücke plädiert, sind die Geschmacksnerven der putzigen Kinderchen von Familie Beutelratte und Igel längst von Pizza und anderen überwürzten Fast-Food-Resten korrumpiert. Das hyperaktive Eichhörnchen Hammi – „Scrat“ macht Schule – wird von Richie zum Straßenräuber ausgebildet und mittels Softdrink-Doping in einen handlungsentscheidenden Koffeinschock versetzt. Gegen die mit fotorealistischer Kuschligkeit ausgestatteten Pelzträger erscheinen die Menschen, passend zu ihren sterilen Behausungen, lediglich wie seltsame Plastikwesen mit sadistischen Anwandlungen; ihr Daseinszweck ist Essen, das sie in Riesentüten in Geländewagen heranschaffen. Diese bissigen, auf erwachsenere Zuschauer gemünzten Lektionen sind kindgerecht untermalt mit Slapsticks, turbulenten Autofahrten, todsüßen Tierfiguren, und frei vom popkulturellen Zynismus des stilbildenden DreamWorks-Kassenknüllers Shrek. Andererseits bezieht die Komödie trotz satirischer und gelegentlich subversiver Gesellschaftskritik nie Position und flüchtet sich in einen sentimentalen Konservatismus. Für diese Umarmungsstrategie steht auch der Running Gag des Films, Richies von Geschmacksverstärkern ausgelöste Gier auf Mais-Chips, die jeder nachvollziehen kann, der mal Glutamat-Junkie war. Denn zumindest Multiplex-Kinos finanzieren sich größtenteils von ebenjenem Junkfood, und man sieht (und hört) schon die fröhlich Nachos mampfenden und eimerweise Cola trinkenden Kinder vor sich, wie sie über diese Späße lachen. Wenn in Richies Träumen ein Mais-Chip poetisch zum Vollmond verklärt wird, bekommt man selbst Appetit.
Birgit Roschy
Ein gewiefter Waschbär zeigt seinen naiven Kumpels aus dem Wald, wie man bei den Menschen geschickt Futter besorgt. Der neue DreamWorks-Trickfilm bietet originelle Figuren und temporeiche Action für kleine Zuschauer und geistreich-satirische Unterhaltung für große.
Over the Hedge
USA 2006. R: Tim Johnson, Karey Kirkpatrick. B: Len Blum, Lorne Cameron, David Hoselton, Karey Kirkpatrick (nach den Figuren von Michael Fry, T. Lewis). P: Bonnie Arnold. Sch: John K. Carr. M: Rupert Gregson-Williams. T: Richard L. Anderson, Thomas Jones. A: Kathy Altieri, Christian Schnellewald, Paul Shardlow. Animation: David Burgess, John Hill, Jason Reisig, Kristof Serrand, William Salazar. Sp: Craig Ring. Pg: Paramount/DreamWorks. V: UIP. L: 84 Min. FBW: besonders wertvoll. FSK: ohne Altersbeschränkung.
epd Film 7/2006


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