Wuji – Die Reiter der Winde

Chen Kaiges fantastisches Martial-Arts-Opus

© Fotos: VCL/3 Rosen

Es ist Märchenzeit. Kirschblütenzeit. Doch der rosarote Blütenregen ist trügerisch, er fällt auf die hingemetzelten Körper auf den Schlachtfeldern, wo ein verwildertes, zerlumptes Mädchen namens Qingchen umherirrt. Plötzlich erscheint dem halbverhungerten Kind eine Göttin und schlägt ihm einen Pakt vor. Sie verspricht Qingchen ewiges Wohlergehen und Reichtum – um den Preis, dass ihr die Erfüllung durch wahre Liebe für immer verwehrt bleibt.

20 Jahre später. Wieder ein Schlachtfeld in einer bildschönen chinesischen Gebirgslandschaft. Ein General und seine in prächtiges Rot gekleideten Soldaten haben sich am Ausgang eines Canyons aufgestellt, um den heranstürmenden übermächtigen Feind mit einer List zu besiegen. Eine Hundertschaft Sklaven wird als Vorhut in die Stampede einer rasenden Büffelherde geschickt. Nur einer überlebt – Kunlun, der schneller läuft als der Wind. Er wird als Diener und Stellvertreter des Generals, in seine Gewänder gehüllt, den Kaiser töten und dessen Konkubine, die mittlerweile zur Schönheit erblühte Qingchen retten. Jetzt nimmt die Weissagung ihren Lauf, die Liebesgeschichte unter falschen Vorzeichen beginnt. Qingchen verliebt sich in den selbstlosen Retter, den sie für den General halten muss – ein Spiel zwischen Sein und Schein, das die stets durch neue Intrigen verwirrte und mit Rückblenden zusätzlich verschachtelte Geschichte bis zum Ende vorantreibt.

Chen Kaige übertrumpft mit diesem bisher teuersten chinesischen Film aller Zeiten noch sein Monumentalwerk Der Kaiser und sein Attentäter, das sich näher an den überlieferten chinesischen Gründungsmythos anlehnte. Übrig geblieben sind die Farben Rot und Schwarz, die auch Leitfarben in Zhang Yimous Hero waren und auf das „rote“ Reich der Chou und das Qin-Reich der ersten chinesischen Dynastie mit der Erkennungsfarbe „Schwarz“ verwiesen. Chen blättert seine Geschichte mit prächtigen Tableaus Seite um Seite wie ein buntes Bilderbuch auf, als wolle er uns mit Gewalt mit seinen puppenhaft agierenden und barock ausstaffierten Protagonisten in eine Fantasywelt entführen.

Dabei führt bereits der Prolog, das listige Versprechen der Göttin, auf eine verborgene Erzählebene. Sie scheint auf die chinesische Geschichte, zuletzt das heutige, prosperierende China mit seinem ökonomischen Aufschwung unter Verzicht auf die überlieferten Werte zu verweisen. Aber man lässt sich leicht von der kitschigen Cartoon-Ästhetik der kolorierten Bilder und von den märchenhaften Begebenheiten ablenken, die überdies einen völlig neuen Chen Kaige vorführen, einen, der mit seinen hochtheatralisch aufgezäumten Zweikämpfen nun auch sein Coming-out als Martial-Arts-Regisseur feiert. Ihm fehlt völlig der „feministische“ Zug seiner Vorgänger Zhang Yimou oder Ang Lee – Chens Protagonisten sind, abgesehen von einem Schurken, alle Opfer: ganz unten der Sklave Kunlun, seine tierähnliche Existenz, die gerade dank der eher naiven Special Effects überzeugend wirkt, ganz oben der General, der merkwürdige Metamorphosen vom martialischen Krieger bis zum betörten weibischen Liebhaber in rosa Negligés durchläuft. Chen entwirft einen gewaltigen Überbau, in dem die Menschen gefangen sind, der sie manipuliert, sie immer wieder in Kampf und Krieg, in Ausweglosigkeit und Untergang, in falsche Hoffnungen und Selbsttäuschung treibt. „Keiner von uns ist glaubwürdig!“ Der vorletzte Satz beim blutigen Showdown des Films hört sich wie die Quintessenz eines tragischen Weltbildes an, der allerletzte offenbart jedoch eine geläuterte, buddhistische Haltung des Regisseurs, dem als Lösung nur einfällt, noch einmal das Tao zu befragen und zum Anfang zurückzukehren.          

Marli Feldvoß

In überhöhten, teilweise bewusst kitschigen Tableaus erzählt Chen Kaige eine Geschichte von Gewalt, Zwang und der Subordination des Einzelnen, die erst ganz am Ende in eine überraschende, aufklärerische Geste mündet.

Wuji – The Promise
China/USA 2006. R: Chen Kaige. B: Chen Kaige, Zhang Tan. P: Chen Hong, Han San Ping, Etchie Stroh. K: Peter Pau. Sch: Zhou Ying. M: Klaus Badelt. T: Wang Danrong. A: Tim Yip. Ko: Kimiya Masago. Pg: Moonstone/ Beijing 21St-Century Shengkai/China Film/ Capgen. V: VCL/3 Rosen. L: 103 Min. DEA: Berlinale 2006. Da: Jang Dong-Kun (Kunlun), Hiroyuki Sanada (General Guangming), Cecilia Cheung (Prinzessin Qingchen), Nicholas Tse (Wuhuan), Ye Liu (Schneewolf), Hong Chen (Göttin Manshen), Cheng Qian (Kaiser).

epd Film 5/2006



Start: 27.4. (D)


 


 


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