Die Jahreszeit des Glücks

Preisgekrönter Film von Bohdan Sláma

© Fotos: Neue Visionen

Jm vergangenen Jahrzehnt hat sich in Tschechien eine neue Generation von Filmemachern etabliert, die wie kaum eine andere in Europa das einheimische Kino dominiert, auf beachtliche Publikumserfolge verweist und auch international Preise erringen.

So gewann Bohdan Slámas zweiter Film Die Jahreszeit des Glücks nicht nur das A-Festival in San Sebastian, sondern kam auch in Tschechien auf fast 200.000 Zuschauer. Inhaltlich wagt er etwas Neues: Nach den vielen skurrilen Alltagsgeschichten wie Sex in Brno oder bitter-süßen Tragikomödien (Wilde Bienen) kommen nun „ erwachsenere“, melancholische Stoffe. Damit leitet Slama, 39, thematisch eine kleine Wende im so erfolgreichen tschechischen Autorenfilm ein.

Bereits zum dritten Mal spielen die einstigen Jungstars des neuen tschechischen Kinos Pavel Liska, Ana Geislerová und Tatiana Vilhelmová zusammen; sie zeigen allesamt ihre bis dato reifste darstellerische Leistung.

Die Freundinnen Dása (Ana Geislerová) und Monika (Tatiana Vilhelmová) sind zusammen im gleichen ehemaligen sozialistischen Wohnblock aufgewachsen, ebenso wie der gutmütige Außenseiter Tonik (Pavel Liska). Während Monika noch bei den Eltern wohnt und den smarten Boyfriend gerade zum Abflug nach Amerika begleitet hat, quält sich Dása mit ihren zwei kleinen Kindern ab und hat eine unglückliche Affäre mit einem verheirateten Mann. Sláma gelingt es, in dem normalerweise für Depression und Eintönigkeit stehenden Neubaublock einen Ort für das Mit- und Nebeneinander der Generationen zu schaffen. Die Eltern haben sich kleinbürgerlich eingerichtet und versuchen ihre Ideale und Vorstellungen von Glück und Erfolg auf die Kinder zu übertragen. Aber Tonik, der keiner geregelten Arbeit nachgehen mag, zieht lieber in das baufällige Haus seiner Tante, um es zu renovieren, und Monika kümmert sich selbstlos um die kleinen Jungs ihrer depressiven Freundin Dása, als die in eine Klinik eingewiesen wird.

Mit viel Feingefühl, Beobachtungsgabe und inszenatorischem Geschick wagt Bohdan Sláma für kurze Zeit eine Fast-Idylle: Wenn sich Tonik und Monika um die beiden Kinder kümmern, für eine Zeitlang Vater und Mutter spielen und sich dabei näher kommen, ist das schön und nie kitschig. Sláma wagt sich an ungefilterte Emotionen, die einfach nur berühren, und bricht diese Idylle durch zwei Schicksalsschläge, die beide Protagonisten wieder auf sich selbst zurückwerfen.

Gedreht hat Sláma den Film chronologisch über einen Zeitraum von zwei Jahren in der Industriestadt Most, auch um den Wechsel der Jahreszeiten zu respektieren und damit die kleinen Kinder im Film älter werden können. Wie sehr sich der Humanismus des Films mit dem seines Regisseurs deckt, äußert sich in einer wohl in der Filmgeschichte einmaligen Geste. Bohdan Sláma und seine Frau adoptierten die beiden Kinder, die im Film mitspielen, nach dem Ende der Dreharbeiten.              

JörgTaszman

Ein Glücksfall für das Kino. Sensibel und überzeugend erzählt Bohdan Sláma von zwei Freundinnen, die einander fremd werden, von Träumen und Fluchten, von Verantwortung und Rücksichtslosigkeit. Der langsame Erzählfluss, die herausragenden Darsteller und die poetischen, aber nie kunstfertigen CinemaScope-Bilder tragen zum Sehgenuss bei.  

Stesti
Tschechien/Deutschland 2005. R und B: Bohdan Sláma. P: Pavel Strnad. K: Divis Marek. Sch: Jan Cenek. M: Leonid Doybelman. T: Jan Cenek. A: Jan Novotny. Ko: Zuzana Krejzková. Pg: Bonton/Negativ/Pallas/ZDF - Das kleine Fernsehspiel. V: Neue Visionen. L: 106 Min. FSK: 12, ff. Da: Tatiana Vilhelmová (Monika), Pavel Liska (Tonik), Ana Geislerová (Dása), Marek Daniel (Jára), Bolek Polivka (Herr Soucek), Simona Stasová (Frau Soucek).

epd Film 4/2006



Start: 20.4. (D, CH)


 


 


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