|
Die Zeit die bleibt Auseinandersetzung mit dem Tod: François Ozons neuer Film
François Ozon, Jahrgang 1967, ist Absolvent der renommierten Pariser Filmhochschule Fémis. Im deutschen Kino brachte dem Star-Regisseur die Krimikomödie 8 Frauen (2002) den Durchbruch. Jeder Film eine Überraschung, ein Sich-neu-Zeigen. Das ist François Ozons Markenzeichen. Ozon spielt virtuos mit Genres und Erzählstilen und entfaltet dabei doch eine charakteristische, seelische und physische Konturen subtil abtastende Handschrift. Nach der schrillen Groteske Sitcom (1998) präsentierte er die strenge, kammerspielartige Fassbinder-Verfilmung Tropfen auf heisse Steine (1999) und das feinfühlige Frauen-Porträt Unter dem Sand (2000). Seit dem Festival- und Publikumserfolg der herrlich selbstironischen Krimikomödie und Diven-Hommage 8 Frauen zählt er zu Frankreichs wichtigsten Regisseuren. Auf den grazilen Eros-Krimi Swimming Pool (2003) folgte „5x2“ (2004), ein bitterer, melancholischer Beziehungs-Pas-de-deux, der im Rückwärtsgang erzählt wird: vom Scheidungsanwalt bis zur ersten idyllischen Begegnung am Strand. Die Zeit die bleibt nun ist die direkte Konfrontation mit einem tragischen Thema: dem Tod.
Romain (Melvil Popaud) ist ein junger, attraktiver Modefotograf, ein 30-Jähriger „in der Blüte seiner Jahre“, der unbekümmert die Karriereleiter emporsteigt, bis er nach einem Zusammenbruch erfährt, dass er unheilbar erkrankt ist. Diagnose: ein maligner Hirntumor. Da Chemotherapie keine Heilung verspricht und nur sein Sterben hinauszögern würde, verzichtet er auf die Behandlung. Er zieht sich zurück, kapselt sich ab, zeigt sich schroff abweisend und arrogant und verhält sich erst mal überhaupt nicht so, wie es in Nur-noch-Monate-zu-leben-Storys üblich ist.
In den ersten Kapiteln jedenfalls, wo Romain niemanden ins Vertrauen zieht, wo er seine Schwester als schreckliche Spießerin beschimpft, von seinem Vater Rechenschaft über dessen Affären und Treulosigkeiten verlangt, wo er vor allem seinen Freund Sasha (eindrucksvoll: Christian Sengewald) beinahe sadistisch demütigt und kalt davonjagt. Es bleibt in der Schwebe, ob das Akte der Verzweiflung sind, charakterbedingte Fühllosigkeiten oder verquere Versuche, anderen kein Mitgefühl abzuverlangen. Allein seiner Großmutter (Jeanne Moreau) erzählt er von seinem Schicksal und findet im liebevoll-vertraulichen Gespräch mit ihr zu einer Art Seelenbalance. Da ändert sich etwas in ihm, wenn er nach der eigenen, tragisch verschütteten Kindheit sucht, nach Wurzeln seines Selbst in kindheitlichen Unschulds-Sphären.
Das Filmplakat zeigt Popaud, wie er nackt im Bett liegt und mit den Fingerspitzen ein Baby an seiner Seite berührt. Eine schöne, innige Szene, die zwar im Film nicht vorkommt, aber exakt seinen Sehnsuchtshorizont beschreibt. In François Ozons Filmen erscheinen die Männer meist als gefühlsverhärtet und tyrannisch, während die Frauen den utopischen Raum spielerischer Leichtigkeit und theatralischer Gefühlseuphorie eröffnen. Hier nun entdeckt ein Mann – im Angesicht des nahen Todes – eine sozusagen mütterliche Zärtlichkeit, mit der er sich dem Kindsein zuwendet. Seine Erlösung. Rainer Gansera Ein junger, attraktiver, erfolgreicher Modefotograf erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Bewegendes Porträt und feinfühlig gezeichnete Studie eines Mannes, der den Schock des nah gerückten Todes nur mühsam verarbeitet und dem schließlich in Kindheits-Erkundungen die Auflösung seiner Gefühlsverhärtungen gelingt. Le Temps qui reste Start: 20.4. (D) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
||||||





In Unter dem Sand war der Tod ein Mysterium, eine Ungewissheit. Da ging der Ehemann der Heldin (Charlotte Rampling) zum Baden an den Strand und kehrte nicht mehr zurück. Unklar blieb, ob er ertrunken ist oder sich einfach aus dem Staub gemacht hat. Psychodrama einer Frau, die sich mit dem Verschwinden ihres Mannes nicht abfinden konnte. Ergreifende Meditation über Verlust und Trauer. Erkundung der Frage, ob man den Menschen, dem man nahe ist, wirklich kennt. In Die Zeit die bleibt tritt der Tod als brutale Gewissheit auf, und die Frage ist, ob man sich selbst kennt, ob man die eigenen Lebensmysterien lüften kann.
Wir kennen Geschichten, die von unheilbar Erkrankten erzählen, als rührselige Liebe-und-Leukämie-Romanzen à la Love Story, als trotzige Vitalitäts-Behauptungen wie Denis Arcands Die Invasion der Barbaren oder auch als trauerumflorte nachdenkliche Lebensbilanzen wie Isabel Coixets Mein Leben ohne mich, wo die Todgeweihte eine Liste schreibt: „Was ich noch tun will, bevor ich sterbe.“ Ozon vermeidet alle Melodramatik, porträtiert seinen Helden zart und präzise und schlägt dabei einen unaufgeregt-hingebungsvollen Erzählton an, der dem von Patrice Chéreaus Son Frère ganz ähnlich ist. Im Gegensatz zu Chéreau aber intoniert er nicht Versöhnung, sondern Entzweiung.
Auch wenn die Episode, in der sich Romain einem Ehepaar als Ersatz für den zeugungsunfähigen Mann zur Verfügung stellt, merkwürdig aufgesetzt erscheint, so fügt sie sich doch in den großen, insgesamt überzeugenden Schlussakkord der Kindheits-Wiederentdeckung. Die Kamera bleibt dem wunderbar subtil agierenden Melvil Popaud komplizenhaft nahe, gerade auch in den Phasen von Romains fortschreitendem körperlichen Verfall, und macht seine Ausgrabung verborgener Lebensschichten ergreifend durchsichtig. 