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© Fotos: mec film |
Ein junger Rundfunktechniker in Tel Aviv, der an einem Feature über die israelische Punkbewegung arbeitet, der er selbst familiär verbunden ist. Michal, eine nicht mehr ganz so junge Redakteurin im gleichen Sender, die nach 13 gewollt kinderlosen Ehejahren ungewollt schwanger wird. Und eine alleinerziehende Studentin, die erst ihren Job in einem kleinen Videoladen verliert und dann in der israelischen Männerwelt nur auf „Probleme“ und platte Begehrlichkeiten stößt.
So ungefähr gestaltet sich die Ausgangslage in Joseph Pitchhadzes neuestem Film, und das ist nur der Anfang einer Reihe von Ent- und Verwicklungen, die auf Papier erst mal ziemlich konstruiert und weit hergeholt klingen. Michals Gatte Reuben nämlich überfährt in seinem Schock über die eigenmächtige Entscheidung seiner Frau, das Kind auch auszutragen, erst einen Blindenhund und begeht dann schmählich Fahrerflucht. Kagan stößt mit seiner Sendung auf massiven Widerstand bei seinem quotensüchtigen Chef und lernt einen Alt-Punker kennen, der sein Selbstbild durcheinander bringt. Die junge Mutter verliert bald auch ihre Wohnung, so dass sie erst auf der Straße und dann auf dem Straßenstrich landet. Ihr Hausverwalter ist ausgerechnet der Fahrerflüchtige. Der Vermieter selbst entpuppt sich als Waffenhändler, der vor den Mordabsichten ehemaliger Geschäftspartner auf der Flucht ist. Und auch sonst gibt es jede Menge Querverbindungen zwischen den einzelnen Erzählsträngen, die hier aus Rücksicht auf die Entdeckungslust zukünftiger Zuschauer verschwiegen werden sollen.
Das klingt wie Kolportage, erweist sich in seiner filmischen Realisierung aber als fein geschmiedete moralische Erzählung über persönliche Verantwortung und gesellschaftliche Macht. Denn die Kunst von Pitchhadze, der mit Filmen wie Under Western Eyes und Besame Mucho sein Talent bewiesen hat, ist es, seinen Stoff so dicht und zugleich elliptisch sparsam zu erzählen, dass alles aufgeht und doch vieles offen bleibt. Folkloristische Filmegucker, die von einem israelischen Film bekennendes Judentum, Shoahverweise oder Besatzungsdramen erwarten, werden von Shnat Effes – das Jahr null – dennoch enttäuscht sein. Regisseur Joseph Pitchhadze, 1972 als Kind mit seinen Eltern aus Georgien nach Israel eingewandert, interessiert sich mehr für die sozialen und moralischen Verwerfungen einer Gesellschaft, der gerade die letzten Überreste der sozialen und kollektiven Ideale der Gründerzeit abhanden kommen. Nicht nur der Radiosender wird privatisiert, auch der Kibbuz, wo der Vater des Waffenhändlers in friedlich-ländlichem Ambiente seinen Lebensabend genießt, wird aufgeteilt und dem Recht des ökonomisch Stärkeren preisgegeben. Und während die Mittelklasse in Eilat Delfine streichelt, wird für die weniger Glücklichen das Existenzielle zum „Problem“ – in seinem hebräischen Äquivalent wohl der meistgenutzte Begriff in diesem Film. Shnat Effes fragt auf ebenso eindringliche wie filmisch raffinierte Weise nach der persönlichen Moral unter den widrigen Umständen zunehmender sozialer Härte. Positive Entwicklungen sind dabei zwar verdient, aber nicht unbedingt tragend.
Das Herz des Regisseurs liegt wohl am ehesten bei den Punks, deren Geschichte Kagan recherchiert. So ist eine Szene, in der sich der Altpunker Robinson im Parkhaus beim Demolieren eines Autos filmen lässt, sicher nicht zufällig die ausgelassenste in diesem Film, der auch sonst mit Lust immer wieder die kleinen körperlichen Ausfälle der Erniedrigten gegenüber ihren Drangsalierern inszeniert. Mit Reuben ist es dann ausgerechnet die mieseste Figur, der eine nachhaltige Veränderung ins Positive gegönnt wird, auch wenn sich der Mann mit seiner aus Schuld geborenen Anbiederung an sein Unfallopfer erst mal peinlich lächerlich zu machen scheint. Der blinde Masseur – geheimes Zentrum des Films – ist weise genug, das Spiel mitzuspielen. Vergeben lässt sich die Schuld auch durch noch so viel Wiedergutmachung nie. Doch der Täter bekommt die Chance für ein neues, besseres Leben. Also doch noch eine Problemlage, die sich spezifisch auf das deutsch-israelische Verhältnis anwenden lässt! Vielleicht ist unser bei Filmimporten ja sonst eher zögerliches Land auch deshalb das erste außerhalb Israels, in dem dieser herausragende Film einen Verleih gefunden hat. Nicht entgehen lassen!!
Silvia Hallensleben
Die sozialen und moralischen Verwerfungen einer Gesellschaft, der gerade die letzten Überreste der sozialen und kollektive Ideale der Gründerzeit abhanden kommen. Joseph Pitchadze erzählt spannend und differenziert anhand dreier Schicksale im Israel von heute über persönliche Verantwortung und gesellschaftliche Macht.
Shnat Effes
Israel 2004. R: Joseph Pitchhadze. B: Joseph Pitchhadze, Dov Steuer. P: Joseph Pitchhadze, Lior Shefer, Dov Steuer. K: Itai Neeman. Sch: Dov Steuer. M: Ishai Adar. T: Gil Toren. A: Miguel Merkin. Ko: Doron Ashkenazi. Pg: Year Zero/HOT. V: mec film. L: 131 Min. DEA: Mannheim-Heidelberg 2005. Da: Menashe Noi (Ruven), Sarah Adler (Anna), Moni Moshonov (Eddie), Keren Mor (Michal), Ezra Kafri (Robinson), Danny Geva (Kagan), Zuki Ringart (Zuki), Uri Klauzner (Shem-Tov).
epd Film 4/2006
Start: 13.4. (D)


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