Elsa und Fred

Zwei Alte auf vergnüglichem Hedonismus-Trip

© Arsenal

Ihr Handy ist pink, ihr Fahrstil unberechenbar, und wenn sie sich streitet, flattern ihrem Gegenüber im Luftstrom ihrer Empörung die Haare aus der Stirn. Elsa ist ein Weibsbild, aber eines, das sich lustvoll selbst inszeniert. Eigensinnig, launisch und von einer prallen Sinnlichkeit, die sich ihrer autoerotischen Züge nicht schämt und die gerade in dieser schönen Selbstreferenzialiät männliche Bewunderung überflüssig macht. Ihre Schutzpatronin, die sie in einer Pose weltvergessenen Genusses über dem Sofa hängen hat, ist Anita Ekberg. Und zwar in jener legendären Brunnen-Szene aus Fellinis La Dolce Vita, die Marcello Mastroianni schier den Verstand raubt.

Elsa ist 82, gibt sich als 78 aus und hat noch allerhand vor. Doch die Abstände zwischen ihren Dialyse-Terminen werden kürzer, die Blicke der Ärzte sorgenvoller. Sie muss sich beeilen, um sich ihren Traum noch zu erfüllen, der sie seit 46 Jahren begleitet: Einmal nachts, wie die heilige Anita, im schwarzen Cocktailkleid im Trevi-Brunnen baden. Den Kopf zu den Sternen gereckt, die Augen geschlossen. Ganz so, als umschlössen sie das letzte Selbstbild sicher vor seiner Vereinnahmung durch Familie und Konventionen. Und Alfredo, ihr hypochondrischer Nachbar und schließlich Geliebter, stellt sich zum ersten Mal in seinem geduckten Leben auf die Hinterbeine, um ihrer Romanze und Elsas Vision die prächtigsten Kulissen zu besorgen.

Elsa und Fred, Anita und Marcello. Die Richtung, in die der Knicks von Regisseur Marcos Carnevale geht, ist von Anfang an klar. Nur anders als bei seinem großem Vorbild Fellini ist Carnevales „Weib“ kein üppiges Krisensymptom einer männlichen Zerissenheit zwischen Agape und Eros. Ihm geht es auch nicht um die schon bedrohlichen Verselbstständigungen intimster Obessessionen oder gar um Fellinis kompliziertes Leiden am Katholizismus. Bei Carnevale greift alles etwas kürzer. Elsa und Fred sind schlicht Helden des Alters, die sich, Cholesterinwerten und Pillendöschen zum Trotz, noch einmal für die große Liebe aufbäumen. Sie rufen sich gegenseitig zur kleinen Rebellion im Privaten auf, sie wehren sich gegen den Protektionismus der Nachkommen, verteidigen ihr Recht auf Intimspäre und verjubeln das Ersparte lieber im kurzfristigen Hedonismus statt damit hirnrissigen Geschäftsideen der Schwiegersöhne Starthilfe zu geben.

Die kleinen Lügen, mit denen Elsa ihre Biografie aufpoliert, sorgen denn auch nicht für handfeste Miseren. Eher sind es liebenswerte Schönheitsfehler, die Elsas totgesagter Ex mit der Nonchalance eines echten Kavaliers auf einem Familienfest gerade rückt. Auch dass Elsa aus ihrem gesundheitlichen Zustand ein Geheimnis macht, ist eher eine pragmatische Wendung denn tiefgreifende Irritation. Der tüddelige Alfredo hat mit seinen Blutwerten schließlich schon genug zu tun und kommt vor lauter Angst vorm Sterben kaum zum Leben.

Und so liegt der Charme des Ganzen nicht so sehr in der Wiederbelebung geborgter Filmmythen wie in der jugendlichen Renitenz zweier Senioren und in dem schillernden Spiel von Argentiniens großer Diva China Zorilla und ihrem Partner Manuel Alexandre, der dafür in diesem Jahr für den Goya nominiert wurde.

Birgit Glombitza

Elsa und Fred auf den Spuren von Ekberg und Mastroianni: keine großangelegte mythologische Wiederbelebung von Fellinis Nachlass, aber ein hübscher, kleiner Film über jugendlich wirkende Renitenzen im Seniorenalter.

Elsa y Fred
Spanien/Argentinien 2005. R: Marcos Carnevale. B: Marcos Carnevale, Lily Ann Martin, Macela Guerty. P: José Antonio Félez. K: Juan Carlos Gómez. Sch: Nacho Ruiz Capillas. M: Lito Vitale. T: Jaime Barros. A: Satur Idarreta. Ko: Nereida Bonmati. Pg: Tesela/Shazam. V: Arsenal. L: 108 Min. Da: Manuel Alexandre (Fred), China Zorilla (Elsa), Blanca Portillo (Cuca), Roberto Carnaghi (Gabriel), José Ángel Egido (Paco).

epd Film 4/2006



Start: 13.4. (D)


 


 


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