Damals, nach der Eisschmelze - Jetzt im Kino: der Animationsfilm "Ice Age 2 – Jetzt taut's!"



von Frank Arnold


© Fotos: Fox

Das Gute zuerst: Menschen kommen diesmal nicht vor, das ist erfreulich, weil ihre Ebenbilder im ersten ICE AGE-Film doch sehr viel schwächer ausfielen als die der vierbeinigen Wesen und so die Illusion einer in sich selbst ruhenden Welt durchbrachen. Dafür wird das Protagonisten-Trio diesmal mit sehr viel mehr tierischen Charakteren der verschiedensten Arten umgeben.

 Am Anfang steht natürlich die Figur, die sich trotz ihrer - als running gag konzipierten - stummen Gastrolle als der heimliche Star des ersten ICE AGE-Films erwies, der Nager Scrat. Dessen Bemühen, in den Besitz einer Eichel zu gelangen und diese so lange zu behalten, bis er sie vergraben hatte, war eine gelungene Hommage an klassische Stummfilmkomik und auch an vergeblichen Bemühungen, mit denen Wile E. Coyote in den Cartoons von Chuck Jones immer wieder neue, komplizierte Fallen entwickelte, um den Road Runner zu fangen. Mit buschigem Eichhörnchenschwanz, krokodilähnlichem Gebiss und zwei Fangzähnen war dies zudem eine originell konzipierte Figur, deren wortloses Bemühen, das jedes Mal kleinere und größere Katastrophen auslöste, eine schöne Identifikationsfläche für den Zuschauer bot.

 Im neuen Film sind seine Auftritte zahlreicher und elaborierter, darauf hat das Publikum ein Recht. Mehr noch als im ersten Film bildet sein stummes Streben auch einen Kontrast zum Rest der Geschichte, denn der ist viel mehr als sein Vorgänger durch verbale Auseinandersetzungen zwischen den Figuren geprägt. 

Die erste Szene (die schon als Teaser funktionierte) zeigt Scrat einmal mehr auf Eicheljagd, zitiert Laurel & Hardy (der slowburn) ebenso wie Harold Lloyd (die Fassadenkletterei in luftigen Höhen) und endet mit dem vergeblichen Versuch, das aus dem Eis schießende Wasser aufzuhalten – das Tauwetter ist auf dem Vormarsch. Daraus ergibt sich der plot des Films wie von selber: die Tiere müssen ihr angestammtes Tal verlassen, denn das wird im Zuge der Eisschmelze überflutet werden. Bei der Reise trifft das bewährte Trio aus dem ursprünglichen Film (Faultier Sid, Mammut Manny und Säbelzahntiger Diego) auf eine Mammutdame namens Ellie, die von zwei Beutelratten begleitet wird und sich im Irrglauben wiegt, selber eine Beutelratte zu sein. Deshalb hängt sie sich wie diese zum Schlafen ebenfalls kopfüber an einen Baum (im Trickfilm ist eben alles möglich). Entsprechende Kabbeleien mit Mammutmann Manny folgen, deren Endergebnis allerdings vorhersehbar ist. Des weiteren tauchen auf: eine schlitzohrig-betrügerische Schildkröte mit Namen Fast Tony, eine Rehe von Geiern, die auf Beute warten, und zwei Seeungeheuer, die nur eines wollen: fressen. Einen bizarren Höhepunkt bildet Sids Begegnung mit einem Stamm von Artverwandten, die ihn einerseits als Gott verehren, andererseits in einem Vulkan opfern wollen. Die Geier geben ihrer Erwartung auf Essbares mit einem Lied Ausdruck, das sie schließlich sogar als aufwändige Musicalnummer darbieten. Die beiden Beutelratten dagegen sind so etwa wie die Vertreter der Moderne, Identifikationsfiguren fürs männliche Teen-Publikum, mit coolen Sprüchen, die auf die Dauer etwas penetrant wirken (ich hätte nichts dagegen gehabt, hätte Diego sie verspeist). Sie sind nur der deutlichste Ausdruck dessen, dass ICE AGE 2 versucht, ein größeres Publikum anzusprechen – alles ist größer und weitgefächerter als im Vorgänger, der gerade durch seine Reduktion überzeugte: drei Tiere, (fast) allein in der endlosen Weite des Eises. Hier schmilzt das Eis, Wasser wird zum treibenden Element, so ist es fast obligatorisch, dass alles mehr in Bewegung gerät. Visuell ist der Film eindrucksvoll, die Charaktere allerdings bei weitem nicht so originell wie in den Filmen von Pixar – allerdings auch nicht so krampfhaft modern wie oft bei Dreamworks.

In den USA wurde ICE AGE in der vergangenen Woche mit über 4000 Kopien gestartet, der fünfhöchsten Kopienzahl überhaupt in der Geschichte des amerikanischen Kinos. Mit seinem Einspielergebnis von 68 Millionen Dollar allein am Wochenende brach er diverse Rekorde. Für Deutschland ist ähnliches zu erwarten, auch hier ist die Kopienanzahl (ebenso wie die Plakatierung) flächendeckend (letzte Woche startete derselbe Verleih den Film IN THE MIX mit gerade mal einem halben Dutzend Kopien), flankiert von der wiederholten Ausstrahlung des ersten Films am vergangenen Wochenende auf RTL. Das zeigt zum einen, wie wichtig für die Filmindustrie in Zeiten der Krise eingeführte Marken sind (für nächstes Jahr wird der dritte SHREK-Film angekündigt), zum anderen dürfte 2006 in den Annalen des Animationsfilms ein wichtiges Datum werden: soviel CGI-Trickfilme haben die großen Hollywoodstudios noch nie auf den Markt gebracht – ob sie alle ihr Publikum finden werden, muss sich erst zeigen.

epd Film 4/2006

 

 

 



Start: 6.4. (D, A, CH)


 


 


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