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© Fotos: Delphi |
„Falashas“, ein Wort aus der Sprache der orthodoxen, äthiopischen Kirche, bedeutet „auswandern“ oder „landlos“. Es benennt die äthiopischen Juden, die der Legende nach der Verbindung von König Salomon und der Königin von Saba entsprungen sind. In der Realität des prosowjetischen Regimes von Haile Mengistu galten diese einheimischen Juden als Parias. 12.000 von ihnen brachen Anfang der achtziger Jahre zu Fuß in den Sudan auf. Sie hofften auf die „Operation Moses“, die erste israelische Luftbrücke, die die einzigen schwarzen Juden der Welt ins „Haus Israel“ heimholte. Im Sudan drohte den Juden als verhasste Ungläubige die Todesstrafe, und so verbargen sie sich zwischen Hunderttausenden von Afrikanern, die, von Hunger und Dürre heimgesucht, in die Auffanglager strömten. 8.000 äthiopische Juden konnten von israelischen Helfern gerettet werden, mit ihnen reisten auch Äthiopier christlichen und muslimischen Glaubens aus. Wurden sie enttarnt, schickte man sie zurück.
Bis heute sind die äthiopischen Juden in Israel ungeliebte Außenseiter, die kollektiv eines vorgetäuschten Judentums verdächtig werden. Von ihrem Schicksal hat sich der rumänischstämmige Regisseur Radu Mihaileanu zu einer berührenden Tragikomödie inspirieren lassen. Geh und Lebe greift das Vorurteil über die „falschen“ Juden auf und verwandelt es in eine bildgewaltige Parabel über das Überleben unter den wechselnden Anforderungen der Selbstverleugnung: Während des Zweiten Weltkriegs hätte die Notlüge einer jüdischen Herkunft, der sich der Protagonist bedient, den sicheren Tod bedeutet.
Va, Vis Et Deviens, wie der Film im Original heißt, ist dreigeteilt: „Va“, heißt das erste Kapitel, das zugleich das bestürzendste ist. Der kleine Sohn einer äthiopischen Jüdin stirbt vor dem Abflug nach Israel an Hunger. Eine verzweifelte Christin teilt die Trauer der Mutter, doch der Wunsch, das Leben des eigenen Kindes zu retten, ist stärker. Mit einem Blick verständigen sich die beiden Frauen darauf, dass der Sohn der Christin den Platz des Verstorbenen einnimmt. Seine neue Mutter schärft ihm eine jüdische Ahnenreihe ein, stirbt aber nach der Ankunft im Heiligen Land. Salomon, Schlomo, wie der Junge gerufen wird, landet im Heim. Eine Familie liberaler und säkularer Juden nimmt ihn liebevoll auf. Das Trauma, die Mutter verloren zu haben und ein gefährliches Geheimnis mit sich herumzutragen, überschattet dennoch Leben und Werden des Heranwachsenden. Drei Laiendarsteller von neun, 14 und 20 Jahren ergänzen sich in ihrem großartigen Spiel zu der Figur des von Selbstzweifeln zerrissenen Schlomo, der unter gebürtigen Juden der bessere Jude zu sein versucht. Bedauerlicherweise gibt der Film im letzten Drittel dem Klischee nach und macht aus einem entwurzelten und verstörten Jugendlichen einen gefeierten Medizinstudenten, der nach seinem Examen als Sanitäter im Gaza-Streifen dient und von Palästinensern angeschossen wird. Stereotyp wirkt auch der Auftritt Schlomos in Äthiopien, wo er als Mitglied der Ärzte ohne Grenzen seine Mutter wiederfindet. Allein der Schrei, mit dem die alte Frau den Himmel durchbohrt, raut die Glätte dieser Dramaturgie auf und durchschlägt das Gefühl, es habe sich alles mühelos zum Guten gewendet.
Heike Kühn
Ein über weite Strecken mitreißender Film. Die Geschichte eines äthiopischen Christenjungen, der im Zuge einer israelischen Repatriierungskampagne als vermeintlicher Jude aus einem Hunger-Lager im Sudan gerettet und in einer israelischen Familie untergebracht wird, ist sensibel und fantasievoll, bisweilen aber auch sentimental erzählt.
Va, vis et deviens
Frankreich/Israel 2004. R: Radu Mihaileanu. B: Radu Mihaileanu, Alain-Michel Blanc. P: Denis Carot, Marie Masmonteil, Radu Mihaileanu. K: Rémy Chevrin. Sch: Ludo Troch. M: Armand Amar. T: Henri Morelle. A: Eytan Levy. Ko: Rona Doron. Pg: Elzévir/Oï Oï Oï/Cattley/K2/Transfax. V: Delphi. L: 144 Min. DEA: Berlinale 2005. Da: Yaël Abecassis (Yaël), Roschdy Zem (Yoram), Moshe Agazai (Schlomo als Kind), Sirak M. Sabahat (Schlomo), Roni Hadar (Sarah), Yitzhak Edgar (Qès Amhra), Rami Danon (Großvater).
epd Film 4/2006
Start: 6.4. (D)


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