Vom Leben erzählen

Der Regisseur Radu Mihaileanu

von Jörg Taszman


  

Bekannt wurde er bei uns mit seinem zweiten Film: In der tragikomischen Farce Zug des Lebens (1998) erzählte der rumänische, in Paris lebende Regisseur Radu Mihaileanu wie die Bewohner eines Shtetls im Jahr 1941 vor der Wehrmacht fliehen. In diesem Monat kommt sein neuer Film Geh und lebe in unsere Kinos.

Immer wieder war Radu Mihaileanu in seinem Leben der „Andere“, einer, der nicht ganz dazugehört. Und so finden sich in seinen drei Filmen auch immer wieder Parallelen zu seinem Leben. „Ich kann nur Filme erzählen von etwas, das mir nahe ist, bei dem ich mich auskenne“, sagt Radu Mihaileanu. Geboren wurde er in Bukarest, als Sohn des stellvertretenden Chefredakteurs einer großen Kulturzeitschrift. Sein Vater, der als Mordechai Buchmann zur Welt kam, konnte während des Zweiten Weltkriegs aus einem Arbeitslager fliehen und versteckte seine jüdische Identität hinter dem sehr rumänisch klingenden Namen Ion Mihaileanu.

Begonnen hatte Radu Mihaileanu seine Karriere in Bukarest am Jiddischen Theater, als Schauspieler, Dramaturg und Regisseur. Er erinnert sich: „Das Paradox des Jiddischen Theaters in Bukarest bestand darin, dass Rumänien das einzige Land im Ostblock war, das noch diplomatische Beziehungen zu Israel pflegte. So kam es zum Wunder einer sehr schönen Synagoge und des Jiddischen Theaters in Bukarest. Weil sehr viele Juden auswanderten, gab es dann am Theater nur noch wenige jüdische Schauspieler. Ich erinnere mich, dass sie von Rumänen ersetzt wurden. Aber wir sprachen immer jiddisch. Manchmal waren wir auf der Bühne zahlreicher als die Zuschauer im Saal.“

Obwohl er selbst keine traumatischen Erfahrungen in Rumänien machen musste, empfand Mihaileanu das Land als ein großes Gefängnis. Als Jude hatte er die Möglichkeit, Verwandte in Israel zu besuchen. Er nutzte diese Reise, um zu fliehen und später nach Frankreich zu gehen – heimlich hatte er sich bei der Pariser Filmhochschule IDHEC beworben.

Das Trauma, die Familie zurücklassen zu müssen, kennt Radu Mihaileanu, der seinerzeit glaubte, die Diktatur Ceauçescus dauere ewig, und sein Abschied sei einer für immer. In seinem neuen Film Geh und Lebe muss auch der kleine Schlomo – ein äthiopisches Flüchtlingskind, das nach Israel auswandern wird – von seiner echten Mutter, einer Christin, Abschied für immer nehmen. Gleich drei Mütter werden sich um Schlomo kümmern, ihn retten. Für Mihaileanu ist das auch eine Hommage an christliche Mütter, die im Krieg jüdische Kinder retteten. Erstmals hat er eine Figur geschaffen, die nur überleben kann, indem sie sich als Jude ausgibt.

„Positive Schwindelei“ nennt Radu Mihaileanu diese Form des Überlebens, die schon sein Vater wählte und die in Zug des Lebens eine große Rolle spielte. In diesem Film versucht ein ganzes jüdisches Dorf zu überleben, indem es sich selbst deportiert. Fragen nach Identität, der Notwendigkeit von Lügen, der Anpassung und der Verschmelzung mit anderen Kulturen prägen das Werk von Radu Mihaileanu. „Schlomo muss mit einer Lüge leben, die er sich nicht ausgesucht hat. Seine erste Mutter rettet ihn, indem sie ihn fortschickt. ‘Sag nie wer du bist’, gibt ihm seine zweite Mutter zu verstehen, bevor sie stirbt! Das ist ein Trauma. Am schlimmsten ist es, wenn du die belügst, die dich lieben.“

Radu Mihaileanu ist ein Meister des Paradoxen. „Ich liebe Geschichten, die komplex sind und die kein anderer erzählen mag.“ So wollte er mit Geh und lebe auch die gängigen Klischees über Israel relativieren. „Israel ist kein faschistisches Land, in dem die Mehrheit aus radikalen, orthodoxen Juden besteht, die nur Araber killen möchten“, sagt Mihaileanu und wird sehr leidenschaftlich. Die Adoptiveltern von Schlomo sind sephardische Juden, die zu Hause französisch sprechen. Politisch stehen sie weit links. Leider wird diese Besonderheit der Herkunft durch die deutsche Fassung des Films nivelliert. Gerade auch die Vielsprachigkeit gehört zur Philosophie des Filmemachers, der einen Unterschied zwischen Herkunft und Identität macht. „Es gibt keine Einzelidentität mehr. Die Unterschiede bestehen in den Wurzeln, die man sich auch bewahren soll. Aber wer bin ich? Ein Rumäne, dem man sagt, er spreche mit französischem Akzent, und ein Franzose, dem man sagt, er spreche mit rumänischem Akzent. Oder bin ich Jude oder Israeli – oder alles zusammen? Warum soll man Mono bleiben, wenn es Stereo 5.1 gibt?“

Mihaileanus drei bisherige Filme sind bei allen Gemeinsamkeiten und autobiografischen Bezügen auch unterschiedlich. Sein Debüt Trahir ist eine düstere Parabel über die Rolle des Intellektuellen in einer Diktatur. Er wurde in Rumänien auf Französisch gedreht wie Zug des Lebens. War sein zweiter Film eine Farce, eine Utopie, ein Märchen und ein Melodrama, so ist Geh und Lebe dann ein großes, emotionales Epos. Mihaileanu, der immer auch der Autor seiner Filme ist, sieht sich in erster Linie als Erzähler: „Ich bin kein Cineast wie François Ozon oder Olivier Assayas, die fast jedes Jahr einen Film drehen. Ich muss auch mal leben, mich aufladen. Ich erzähle nur Geschichten in Bildern und bin kein großer Regisseur, der Dinge in Szene setzt, darum geht es mir auch nicht. Ich möchte das Leben der einen den anderen erzählen.“   

Die Zitate stammen aus Interviews, die der Autor in Paris und Berlin mit Mihaileanu geführt hat. Geh und lebe erhielt bei der Berlinale 2005 den Preis der Ökumenischen Jury.

epd Film 4/2006


 


 


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