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Requiem Exorzismus an einer jungen Frau in den siebziger Jahren Der Regisseur Hans-Christian Schmid widmet sich mit großem Erfolg der Befindlichkeit unserer Gesellschaft und ihrer jungen Menschen – von Nach fünf im Urwald (1995) und »23« bis hin zu Crazy und Lichter. Requiem rekonstruiert die Teufelsaustreibung an einer jungen Frau. Requiem beginnt mit den Atemstößen einer jungen Frau, die sich auf dem Fahrrad quält und in einer Kapelle zum einsamen Bittgebet niedersinkt. Die Kamera rückt ihr auf den Leib, die Montage gibt ihre hektische Anstrengung wieder und konfrontiert mit einem Furor, der nicht um stereotype Filmschönheit bemüht ist.
Leitmotive seiner früheren Filme hat Schmid hier zu einem Frauenporträt gebündelt, das in kein Gruselgenre und kein polemisches Aufklärungsmuster passt. Mit einer „Mechanik des Wunders“ aus katholischer Inbrunst und Geschäft in seiner Geburtsstadt, dem Wallfahrtsort Altötting, setzte er sich in seinem ersten Dokumentarfilm auseinander. »23« erzählt von jugendlicher Grenzüberschreitung und Selbstzerstörung, die einigen Zügen der Michaela aus Requiem ähnelt. Den Stoff trug Schmid lange mit sich herum, bis er einen Drehbuchautor (Bernd Lange) fand, der den zu Grunde liegenden authentischen Fall verdichten half. Wie »23« zeichnet der Film mit knappen Mitteln ein zurückliegendes Jahrzehnt nach. Es geht um ein dörfliches katholisches Milieu in Süddeutschland Mitte der Siebziger, in dem auch minimale Änderungen im Habitus eines jungen Mädchens, wie sie seit 1968 an der Tagesordnung waren, heftige sprachlose Konflikte herauf beschwören. Wenn Michaela in Tübingen studentisches Leben kennen lernt, tanzen geht und die erste Liebe erlebt, zeigt sie das Neue daheim mit bunter Minimode an. Als sie Weihnachten nach Hause fährt – wirft ihre Mutter die Sachen einfach in den Müll.
Michaela – das ist vom ersten Bild an klar – hat den Glauben an Gott und die Jungfrau Maria elementar internalisiert. Jede Grenzüberschreitung erlebt sie zunehmend suggestiv als Ungehorsam, Selbstüberhebung und Schuldgefühl. Es gibt eine angedeutete Vorgeschichte schwerer Epilepsie, man sieht Michaelas permanente Tablettenkuren, die jedoch nicht helfen, wenn ihre Wahnvorstellungen einsetzen. Sandra Hüller spielt sie mit großer Wucht als eskalierende Krampf- und Paranoiaanfälle, vor deren voyeuristischer Zurschaustellung der Film jedoch die Türen schließt oder die Montageschere ansetzt. Am Ende resigniert die Jugend verstörend vor den strafenden Mächten in ihrem Innern, erklärt sich selbst für besessen und ihre psychophysischen Qualen zum religiösen Opfer. Requiem endet mit dem Schrifthinweis auf den tödlichen Ausgang der Geschichte.
Schmid muss die Konkurrenz nicht fürchten. Er konzentriert sich auf die Familienkonstellation, auf den Konflikt mit der harten, fundamentalistischen Mutter (Imogen Kogge), der leider ohne psychologische Herleitung hermetisch bleibt. Der Vater (Burghart Klaußner) als Gegenbild liebevoller Zugewandtheit, die zu Rate gezogenen Priester – sie alle wirken nicht wie Täter, sondern Elemente eines Syndroms. Die junge Frau spaltet ihr Scheitern vor dem selbst gesetzten Leistungsdruck in eskalierenden Anfällen von sich ab und schreit ihre Qual aggressiv aus sich heraus, zerrissen in „böse“ Personifizierungen aus dem ihr vertrauten religiösen Universum. Der Film vermeidet Schuldzuweisungen. Man geht aus dem Kino und fragt sich, wie Hilfe möglich gewesen wäre. Die Zuspitzung auf das Desaster von Angst, Stress und Kontrollverlust macht ihn treffend aktuell, nicht die immanente Polemik gegen erstarrten Fundamental-Katholizismus. Claudia Lenssen Wuchtiges Psychodrama über eine epilepsiekranke Studentin, die sich von Dämonen besessen glaubt. Nach einem authentischen Fall aus den siebziger Jahren erzählt Requiem eindringlich die Tragödie der Spaltung eines Ichs. Deutschland 2006. R und P: Hans-Christian Schmid. B: Bernd Lange. K: Bogumil Godfrejow. Sch: Hansjörg Weißbrich, Bernd Schlegel. T: Marc Parisotto. A: Christian M. Goldbeck. Ko: Bettina Marx. Pg: 23/5/SWR/Arte/WDR/BR. V: X Verleih. L: 93 Min. DEA: Berlinale 2006. Da: Sandra Hüller (Michaela Klingler), Burghart Klaußner (Karl), Imogen Kogge (Marianne), Friederike Daolph (Helga), Anna Blomeier (Hanna Imhof), Nicholas Reinke (Stefan Weiser), Walter Schmidinger (Gerhard Landauer). Start: 2.3. (D) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Requiem reißt in einen ungestümen Trauergesang hinein. Der Film bleibt nah bei seiner Hauptfigur, erzählt die Tragödie der Spaltung ihres Ichs. Er zeigt, was der 20-jährigen Michaela (Sandra Hüller) in der Zeitspanne eines Jahres zustößt, und verfolgt die Fieberkurve ihrer Anfälle wie ein mitfühlender Protokollant. Aus einem Stoff, der für viele Projektionen taugt, hat Hans-Christian Schmid ein ungefälliges Psychodrama gemacht, eine Tour de Force durch die Höllenqualen einer kaum Erwachsenen, die sich von Dämonen besessen glaubt.
Auch Requiem lebt vom Effekt einer quasi dokumentarischen Inszenierung, die nicht schönt, erklärt oder historisch einordnet, sondern in der Farbgebung, in Tempo, Kadrierung und Sound unmittelbare Einfühlung suggeriert. Alle Personen sprechen Hochdeutsch, als solle der Reflex vermieden werden, die Geschichte als kuriose Folklore zu konsumieren. Wieder geht es Schmid um die Tragik eines Menschen, der im Überschwang die starren Machtstrukturen seines Umfeldes herausfordert, daran jedoch verzweifelt.
Vorlage ist das Schicksal der vor 30 Jahren nach wochenlangen Exorzismen verstorbenen Anneliese Michel. Der Film verweigert sich den Legenden um diesen „deutschen Voodoo-Skandal“ wie auch der Versuchung, Besessenheit mit Special Effects als Horrormovie genießbar zu machen. Auch der ethische und juristische Diskurs um die Todesumstände von Anneliese Michel spielt in Schmids Film keine explizite Rolle. Die Eltern und die beiden Priester, die 1976 Gebetslitaneien nach dem katholischen Exorzismusritual am Bett von Anneliese Michel ausführten, statt ärztliche Hilfe zu holen, wurden nach Michels Hunger- und Erschöpfungstod zu milden Strafen verurteilt. Weder wurde der damalige Würzburger Bischof Stangl für seine Zustimmung zur Verantwortung gezogen noch die Praxis der Dämonenaustreibung in der katholischen Kirche in Frage gestellt, im Gegenteil: der neue Papst legitimierte sie jüngst durch ein Ausbildungsdekret für Exorzisten. Beide Aspekte, der pittoreske Horror wie dessen Aufklärung, sind Elemente in der im vergangenen Herbst gestarteten amerikanischen Verfilmung des Falles, Der Exorzismus von Emily Rose. 