Bennett Millers Film über den Schriftsteller Truman Capote und die Entstehung seines berühmten Tatsachenromans „Kaltblütig“ ist für mehrere Oscars nominiert. Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman gilt nach seinem Golden Globe sogar als Spitzenkandidat. Aber Capote ist weit mehr als eine Preismaschine.
Wenigen schauspielerischen Leistungen wohnt, neben der Darstellung von geistig oder körperlich Behinderten, so viel Ehrfurchts- und Oscar-Potenzial inne wie der Darstellung eines realen Menschen im Rahmen des Modegenres Biopic. Interessant sind Biopics, also Filmbiografien, wenn sie das Exemplarische, nicht das Chronologisch-Zufällige eines Lebens zu ihrem Ausgangspunkt machen. So virtuos die Imitation sein mag, nicht selten streift sie das Wesen der Travestie. So mag Jamie Foxx als der authentischere Ray Charles erscheinen oder Geoffrey Rush als der wahnwitzigere Peter Sellers, mag Joaquin Phoenix so gut singen wie Johnny Cash. Aber ihre schauspielerische Tour de force lässt die Filme ratlos zurück – wilde Menschen, brave Filme.
Nun also Truman Capote, verkörpert von dem Darsteller zumeist freundlicher Außenseiter, Philip Seymour Hoffman. Abgrundtief genau nuanciert er den schwulen Skandaleur als promi- und selbstsüchtige Rampensau, als einen, der seine Empfindsamkeit unter Manierismen und seinen brennenden Ehrgeiz notdürftig unter seiner literarischen Begabung verbirgt. Und dennoch, hier sehen wir keine runaway performance, ja, Capote ist trotz seines Titels nicht einmal ein Biopic. Regisseur Bennett Miller interessiert sich in seinem Regiedebüt, das er nach einem Drehbuch seines Jugendfreundes Dan Futterman inszenierte, nicht in erster Linie für den in New Orleans geborenen, weltberühmten Schriftsteller, den Yankee gewordenen Dixie, der in einer homophoben Ära sein Schwulsein offensiv ausstellt, ein Popstar, bevor es literarische Popstars gab, ein Schriftsteller, dessen Œuvre seinen Ruhm lange Zeit unterbot. Bis er das Thema seines Lebens fand: „Wenn ich daran denke, wie gut das wird, kann ich kaum atmen“, haucht Truman – atemlos – sich selbst zu.
Capote, das ist Ende der Fünfziger ein Mann, der seine Legende formulieren möchte. Die Nachricht in der „New York Times“ über den vierfachen unerklärlichen Mord an einer Farmerfamilie in Holcomb, Kansas, lässt ihn Witterung aufnehmen. Ein Ort ohne biografische und eine Tat ohne emotionale Berührungspunkte werden zu Schlüsselreizen für eine literarische Trüffeljagd sondergleichen. Mit seiner Jugendfreundin, der Schriftstellerin Nelle Harper Lee, und seinem Kaschmirschal von „Bergdorf Goodman“ begibt sich Truman auf die Reise zum Mittelpunkt des „american dream gone sour“. Capote ist jedes Mittel recht, der Zweck des Meisterwerks heiligt die Mittel des Lügners. Es beginnt ein Tanz um die Wahrheit zwischen einem der beiden rasch gefassten Täter, dem behinderten Perry Smith, und Capote. Sie nähern sich einander bis zur Verliebtheit, doch Capote lässt mit Perrys Todeszelle auch seine Gefühle für den Täter als Mensch, als Mann, hinter sich.
Capote ist ein filmisches Essay über ein literarisches Experiment, die Erschaffung der „non-fiction-novel“. Philip Seymour Hoffman spielt einen manischen Selbstdarsteller, der wiederum selbst in viele Rollen schlüpft; ein Künstler, bereit, im Dienste seines Werkes alles zu opfern: Würde, Integrität und Wahrheit sowieso. Niemals aber die Entschlossenheit, Emotionen zu Motiven, Personen zu Figuren und Wahrheit zu Fiktion zu steigern. Hoffman stellte oftmals leicht abseitige Männer dar, denen die homo- wie heterosexuelle Erfüllung versagt bleibt, weil sie im Grunde andere Probleme haben. Sein Mangel an Attraktivität gereichte dem Schauspieler zum Segen, weil die Sehnsucht nach einem schöneren Selbst seinen Figuren eine traurige Güte verlieh. Sein Capote dagegen sucht durch edles Styling und rhetorische Brillanz zu glitzern. Er, der Verwundete, braucht den ganz großen Erfolg, um unverwundbar zu werden. Doch er trifft auf eine Tragödie, größer als er selbst und seine Selbstverleugnung. Das Objekt der Literatur ist Subjekt des Empfindens geworden. Perry ist Material und Mensch zugleich. Ein unlösbarer, ein klassischer Konflikt – der emphatische Voyeur, das kann nicht gutgehen. So verschließt sich Capote zunächst dem finalen Akt seines Voyeurismus, dem Beiwohnen der Hinrichtung, die er fürchtet und herbeisehnt, markiert sie doch den Erscheinungstermin seines Buches.
Capote ist von einer Diskretion, die seiner wahnwitzigenTitelfigur völlig fremd ist. Er erzählt, wie das Hauptwerk seines Titelhelden, von einer Katastrophe, für die es einen schlechten Anlass und sicherlich keinerlei Sinn gibt. Truman Capote hat am Ende sein Buch vollendet; in der Tat so gut, dass man kaum atmen mag. Darüber ist er zum Alkoholiker geworden, insgesamt sechs Menschen haben ihr Leben gelassen, und das „Warum?“ der Tragödie ist immer noch nicht geklärt. Was diesen ruhigen, genauen Film wirklich groß macht, ist seine Ehrlichkeit: Er lässt Capote als lächerlichen Mann wie genuinen Künstler bestehen, er fügt sich in das Scheitern des Experimentes Wahrheitsfindung. Er gibt keine Antworten, wo keine sind. Unaufgeregt und stilsicher wie Capotes „In Cold Blood“ selbst erweist sich Millers Film als Dokument des Respektes: für den Schriftsteller Capote und dessen Werk, für seinen Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman und dessen Spielfreude. Aber auch und zu jeder Zeit für die Toten, die Ausgangspunkt und Zentrum der Geschichte bilden. Den oder die möglichen Oscars hat hier niemand in seinem Blick aufs Wesentliche gehabt. Und natürlich hätten ihn eben drum alle verdient.
Heike-Melba Fendel
Aus der Menge aktueller biografischer Filme ragt Capote heraus: als subtile Studie über ein problematisches literarisches Experiment – die Erfindung des Tatsachenromans. Großartig in der Hauptrolle: Philip Seymour Hoffman.
Capote
USA 2005. R: Bennett Miller. B: Dan Futterman (nach dem Buch „Capote“ von Gerald Clarke). P: Caroline Baron, William Vince, Michael Ohoven. K: Adam Kimmel. Sch: Christopher Tellefsen. M: Mychael Danna. T: Leon Johnson. A: Jess Gonchor, Gordon Petersen. Ko: Kasia Walicka-Maimone. Pg: Sony/United Artists/Infinity Media. V: Sony. L: 114 Min. FSK: 12, ff. Da: Philip Seymour Hoffman (Truman Capote), Catherine Keener (Nelle Harper Lee), Clifton Collins Jr (Perry Smith), Chris Cooper (Alvin Dewey), Bruce Greenwood (Jack Dunphy), Bob Balaban (William Shawn), Amy Ryan (Marie Dewey), Mark Pellegrino (Dick Hickock).
epd Film 3/2006
Start: 2.3. (D, CH), 14.4. (A)


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