Somersault

Australische Coming-of-Age-Geschichte
Abbie Cornish, Sam Worthington
  

Diesem Mädchen haftet etwas Schwebendes, Unwirkliches an. Wie in Zeitlupe scheint sich Heidi (Abbie Cornish), 16-jährige Schönheit aus einem australischen Provinznest in der Nähe Canberras, zu bewegen - als sei sie nicht von dieser Welt. Und doch hinterlässt sie Spuren - wie ein Parfüm, das in die Luft versprüht noch wahrnehmbar ist: "Sie ist genauso. Wenn du gehst, kannst du sie immer noch auf deiner Haut spüren", wird mal über Heidi gesagt. Das Unheil, das das Mädchen unabsichtlich anrichtet, nimmt es erstaunt zur Kenntnis. Dabei ist eigentlich nicht viel passiert: Heidi wurde dabei erwischt, wie sie den Liebhaber ihrer Mutter küsste. Schuldbewusst reißt sie von zu Hause aus, landet - in einer originellen Umkehrung der Australienbilder, die man im Kopf hat - in einem Skiort, allein, ohne Geld. Mit einer unmerklichen, intimen Geste, die von Heidis Selbstbewusstsein bezüglich ihrer erotischen Ausstrahlung zeugt, versucht sie einen Ladenbesitzer dazu zu bewegen, ihr Arbeit zu geben. Ohne Erfolg. Später nimmt sie einen Job in einer Tankstelle an, findet Unterschlupf bei Irene (Lynette Curan), der Besitzerin eines Hotels. Und dann ist da noch Joe (Sam Worthington), Sohn aus reichem Haus. Eine Liebesgeschichte könnte sich entspinnen. Doch die Angst vor Nähe lähmt die Jugendlichen, macht sie sprachlos. Bis Joe einmal der Kragen platzt: "Du lässt keine Menschen an dich heran, du fickst sie nur."

Cate Shortland erzählt in ihrem ersten Spielfilm eine beklemmende Coming-of-Age-Geschichte, fern aller Klischees und Handlungsbausteine, die das Genre sonst gern strapaziert. Heidi muss sich selbst verzeihen, bevor sie mit ihrem Leben fortfahren kann. Ein schmerzhafter Prozess, den Abbie Cornish in einer Mischung aus Zerbrechlichkeit und Phlegma bravourös verkörpert. In Australien wird sie schon als Nachfolgerin von Nicole Kidman gehandelt, obwohl sie einer anderen, Sarah Polley aus Go, sehr viel ähnlicher ist.

Für ihre Geschichte findet die Regisseurin starke Metaphern: Der behinderte Bruder einer Arbeitskollegin kann keine Empathie empfinden. Darum werden ihm Karten mit Gesichtsausdrücken menschlicher Gefühle gezeigt. So lernt er, sie zu deuten. Eine Schulung, von der auch die anderen Figuren im Film profitieren könnten. Mit ihrer Unfähigkeit, zu ihren Gefühlen zu stehen und sie mitzuteilen, mit ihrer traurigen Verletztheit sind sie sich selbst im Weg. Ein anderes Mal zeigt uns die Regisseurin eine Stadt, die im nahe gelegenen Stausee versunken ist. In dieser unwirtlichen Umgebung, die auf die Bedürfnisse der Menschen nur wenig Rücksicht nimmt, können keine Gefühle gedeihen. Dem entsprechen auch die kühlen Farben, in die Kameramann Robert Humphrey die Bilder getaucht hat. Abgestufte Blautöne, von kaltem Anthrazit bis zum stählernen Blau, legen sich wie ein schützender, kalt abweisender Schleier über die Kulisse der Snowy Mountains und halten die Menschen auf Distanz. Keine rote Erde, keine gleißende Sonne, kein azurblauer Himmel - das ist nicht das Australien, das wir aus dem Kino kennen.  Katharina Grimnitz

Ein 16-jähriges Mädchen reißt von zu  Hause aus, nachdem es den Liebhaber ihrer Mutter geküsst hat. Starkes Regiedebüt der Australierin Cate Shortland, stilsicher inszeniert, mit genau gezeichneten Charakteren und einer kalten Farbgebung, die die Verschlossenheit der Figuren unterstreicht.

Somersault
Australien 2004. R und B: Cate Shortland. P: Anthony Anderson. K: Robert Humphrey. Sch: Scott Grey. M: Norman Parkhill. T: Sam Petty. A: Melinda Doring, Janie Parker. Ko: Emily Seresin. Pg: Red Carpet/New South Wales. V: Prokino. L: 106 Min. Da: Abbie Cornish (Heidi), Sam Worthington (Joe), Lynette Curran (Irene), Eric Thomson (Richard), Nathaniel Dean (Stuart), Hollie Andrew (Bianca), Lea Purcell (Diane).

epd Film 5/05


 


 


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