Mauer


© Fotos: Ventura

Stück für Stück verschwindet die Landschaft hinter den mächtigen Mauerstücken, die Bauarbeiter aneinander reihen – bis die Leinwand schließlich dunkel ist: Mit dieser langen und eindrucksvollen Einstellung beginnt der Film Mauer, und die Regisseurin Simone Bitton  stellt damit das Thema vor: Was bedeutet das gigantische, 500 km lange Bauwerk, das die palästinensischen Gebiete von den israelischen trennen soll, für die Menschen, die mit ihm leben müssen?

Es geht Bitton in ihrem ersten langen Dokumentarfilm nicht um die aktuelle Situation im israelisch-palästinensischen Konflikt, schon gar nicht um eine Aufarbeitung von dessen historischer Genese. Vielmehr beobachtet sie das Leben auf beiden Seiten jener Wand, die das größte Bauwerk in Israel seit der Gründung des Staates darstellt und pro Kilometer zwei Millionen Dollar kostet, wie Verteidigungsminister General Amos Yaron berichtet. Die Geschichte des im Jahr 2002 begonnenen Projekts enthält, bei aller Tragik, auch ironische Momente: Die Mauer frisst viele Quadratkilometer israelischen Landes und könnte zugleich ohne die palästinensischen Arbeiter von der Westbank gar nicht errichtet werden. Und auch die Meinungen der Menschen sind nicht so eindeutig, wie man angesichts der Feindseligkeiten zwischen den Lagern vermuten würde: Ein israelischer Kibuzzim etwa beklagt, dass die Bewohner eines palästinensischen Dorfes von ihren Olivenhainen abgeschnitten seien, die diesseits der Mauer liegen. Ein israelischer Familienvater fühlt sich durch den Bau keineswegs sicherer. Ohne Frieden sei die Mauer wertlos, sagt ein Überlebender eines Selbstmordattentats. Nur der Sprecher der Betonfabrik, die den Auftrag ausführt, sieht keinen Grund zur Klage.

Simone Bitton sammelt Bilder und Stimmen. Zwischen den vielen Gesprächen, die sie hüben wie drüben führt – oft weiß man nicht, auf welcher Seite man sich gerade aufhält – finden sich lange Sequenzen mit Aufnahmen der Mauer, unterlegt mit meditativer Musik, die Zeit zum Nachdenken lassen, zugleich aber auch den Stillstand des Lebens und der Politik in dieser Region reflektieren. Die Regisseurin setzt auf die Kraft dieser Montage, sie selbst ist nur als Fragende im Film präsent – am Ende auch etwas zu aufdringlich, wenn sie einen Psychologen rhetorisch befragt, wer denn nun verrückt sei, die Situation an der Mauer oder sie selbst.

Dass sie überwindbar ist, zeigen die Bilder auch: An einer unbewachten Stelle heben Palästinenser ein Baby über die Wand, bevor sie selbst darüber springen. In diesem symbolträchtigen Film stehen solche Aufnahmen für die Hoffnung, dass auch diese Mauer eines Tages fallen wird.        

Raimund Gerz

Simone Bitton, Dokumentarfilmerin israelisch-französischer Herkunft, beobachtet das Leben auf beiden Seiten der Mauer, die die palästinensischen Gebiete von den israelischen abtrennen soll, und macht dabei deutlich, dass die Grenze den Status quo des Ausnahmezustandes nur zementiert.

Mur
Frankreich/Israel 2004. R und B: Simone Bitton. P: Thierry Lenouvel. K, M: Jacques Bouquin. Sch: Catherine Poitevin, Jean-Michel Perez. T: Jean-Claude Brisson. Pg: Cine-Sud Promotion/Arna. V: Ventura. L: 98 Min.

epd Film 5/2005



Start: 12.5. (D)


 


 


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