Schatten der Zeit


© Fotos: Constantin

Er gilt als Mann für Erfolgsgeschichten; bereits als Filmhochschüler hat Florian Gallenberger seinen ersten Oscar eingeheimst. Quiero ser erzählte von zwei Straßenkindern in Mexiko. Vor dem malerischen Hintergrund der Gassen und Märkte Mexico Citys werden die Lebenslinien zweier ungleicher Brüder skizziert, von denen einer den Absprung aus dem Elend schafft. Gallenbergers Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule wurde 2000 mit dem Studenten-Oscar, 2001 mit dem Oscar für den besten Kurzfilm ausgezeichnet. Unverkennbar war das Talent des 1972 geborenen Regisseurs – aber auch ein Hang zum Ethnokitsch.

Für Schatten der Zeit, sein Kinodebüt, ist Florian Gallenberger wieder in die Ferne gereist. Gedreht wurde an Originalschauplätzen in Indien; Erfolgsregisseur Helmut Dietl hat den Film produziert. Und wieder stehen die Lebensläufe zweier Kinder aus bitterarmen Verhältnissen im Mittelpunkt. Auslöser für den Film sei ein Radiobericht gewesen mit der Stimme eines kleinen indischen Mädchens, das aus einer Fabrik befreit worden war, hat Gallenberger gesagt. Um Kinderarbeit geht es denn auch  in seinem Film –  Ausbeutung und  Elend werden durch malerische Oberflächen allerdings immer wieder überdeckt.

Als alter Mann, der es zu Wohlstand und Einfluss gebracht hat, kehrt Ravi in die Teppichfabrik zurück, an die ihn seine Eltern als Kind verkauft hatten. Sein Blick gleitet über lange Reihen staubbedeckter Maschinen, hölzerne Webstühle und kleine Schlafkojen; dann entdeckt er Kerben in einem Holzpfosten, von Kindern eingeritzt, um ihre Körpergröße zu markieren. Als der alte Herr mit dem Finger darüber streicht, löst dies eine Welle der Erinnerung aus. Auch diese Erzählstruktur – eine kurze Rahmenhandlung umklammert eine lange Rückblende – erinnert an Quiero ser.

Die Kamera verweilt mehrmals auf Zeitsymbolen wie den Kerben. Zudem soll die Langsamkeit der Erzählung den Fluss der Zeit sichtbar machen; das wirkt mitunter allerdings langatmig und ein wenig leer. Gallenbergers Kurzfilm sei die Skizze eines Langfilms, hat eine Kritikerin damals über Quiero ser geschrieben – bei Schatten der Zeit ist der Eindruck umgekehrt. Im Grunde besteht der Film aus zwei Teilen, die nicht recht zusammenpassen. Da ist zunächst die Geschichte von Kinderarbeit, Menschenhandel und Prostitution, die Geschichte des elfjährigen Ravi (Sikandar Agarwal) und seiner etwas jüngeren Freundin Masha (Tumpa Das), die als Sklaven in der Teppichfabrik schuften. Es folgt eine zweite Geschichte, die einer unmöglichen Liebe. Als Masha an einen Mädchenhändler verkauft werden soll, opfert Ravi all seine Ersparnisse für ihre Freiheit. Beim Abschied verspricht Masha, bei jedem Vollmond im größten Shiva-Tempel Kalkuttas auf Ravi zu warten. Dumme Zufälle aber lassen die beiden sich wieder und wieder verfehlen.

Während in Quiero ser der soziale Aufstieg nur möglich war um den Preis, den Bruder zu verlieren, ist es in Schatten der Zeit ein böses Schicksal, das die Liebenden trennt. Die Figuren gewinnen wenig Konturen, weder beim erwachsenen Ravi (Prashanth Narayanan) noch bei der erwachsenen Masha (Tannishtha Chatterjee) ist viel zu spüren von den Katastrophen ihrer Kindheit: von ungesunder Ernährung und schlechter Luft in der Fabrik, von Demütigung und sexueller Gewalt. Auch Gallenbergers Schilderung von Kinderprostitution und Menschenhandel bleibt vage. Zu viel Realismus hätte wohl  nicht in die exotisch-bunte Masala-Mischung gepasst.    

Martina Knoben

Florian Gallenbergers mit zwei Bayerischen Filmpreisen ausgezeichnetes Kinodebüt verbindet eine Liebesgeschichte mit der Schilderung von Kinderarbeit in Indien. Eine exotisch-bunte Mischung ist entstanden – viel fürs Auge und  fürs Herz. Die Beschreibung von Menschenhandel und  sexueller Gewalt gegenüber Kindern bleibt allerdings  vage.

Deutschland 2004. R und B: Florian Gallenberger. P: Helmut Dietl, Norbert Preuss. K: Jürgen Jürges. Sch: Hansjörg Weissbrich. M: Gert Wilden jr.. T: Frank Heidbrink. A: Amardeep Behl, T.P. Abid, Rajiv Gautam. Ko: Lisy Christl. Pg: Diana/Fannes/ CP Medien/Mondragon. V: Constantin. L: 111 Min. FSK: 6, ff. FBW: wertvoll. DEA: Berlinale 2005. Da: Tannishtha Chatterjee (Masha), Prashanth Narayanan (Ravi), Tilotama Shome (Deepa), Irrfan Kahn (Yani), Tumpa Das (Masha als Kind), Sikandar Agarwal (Ravi als Kind), Sova Sen (Masha als alte Frau), Soumitra Chatterjee (Ravi, alt).

epd Film 5/2005



Start: 12.5. (D)


 


 


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