Whisky

In seiner Sockenfabrik in Montevideo führt Jacobo ein Leben wie ein Uhrwerk: zur Arbeit im Morgengrauen, ein Kaffee und ein Stückchen im Café, dann rüber zur kleinen Firma, vor der die Angestellte Marta wartet, Schloss aufsperren, Rollladen hochschieben, Marta, die sich umzieht, Jacobo, der im Büro hantiert, Marta, die einen Tee aufbrüht und ins Büro bringt, während die anderen beiden Angestellten ankommen und sich wie zuvor Marta im Aufenthaltsraum den Kittel anziehen, die Wolle, die von der Strickmaschine mechanisch verarbeitet wird, die fertigen Socken, die aus dem Auffangkorb auf die Dehnungshalterung gezogen werden .... Jede Bewegung erstarrt hier zur Routine, selbst die außergewöhnlichen Ereignisse wie der morgendliche Versuch, den kaputten Rollladen im Büro zu reparieren, und sogar das Auto springt jeden Morgen zuverlässig nach dem bangen dritten Anlassversuch an .... Dann kündigt sich Jacobos Bruder, der vor Jahren ins Ausland gegangen war (wo er ebenfalls Socken produziert), an, und Jacobo fragt seine Angestellte, ob sie vielleicht ein paar Tage bei ihm wohnen könne, weil er es allein mit ihm in seiner Wohnung nicht ertrage. Ja, sagt sie ungerührt ...

„Trocken wie die Zunge eines Alkoholikers“, beschrieb die L.A. Weekly den Humor dieses Films, und es ist erstaunlich, wie unglaublich viel Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll, die beiden jungen Regisseure aus Uruguay, mit so wenig erzählen. Wenn die Regelmäßigkeit und die Eintönigkeit sich so sehr manifestieren, dann wird jedes kleine Detail zum Ereignis. Mit Kaurismäki wurde die Arbeit der beiden Regisseure verglichen, doch im Gegensatz zu den finnischen Arbeiterhelden, die noch immer eine ordentliche Portion Bohème am Leib hatten, wirkt der Alltag in Uruguay schon sehr grau und unwirtlich. Doch gerade im eintönigen Grau wird jeder kleine Farbtupfer zum kraftvollen Statement, in der Monotonie des täglichen Einerleis entwickelt jede minimale Abweichung eine rebellisch komische Absurdität, beispielsweise, wenn sich die beiden einander so fremd gewordenen Brüder zur Begrüßung gegenseitig Socken schenken und sie fachmännisch und misstrauisch auf Qualität untersuchen.

Während Jacobo auch den Besuch seines Bruders nur mit mürrischem Stoizismus quittiert, ist Marta wenn auch auf sehr verhaltene Weise doch spürbar von freudiger Aufregung erfasst. Das absurde Ansinnen, ein paar Tage lang eine Ehe vorzugaukeln, nimmt sie sehr ernst, sie macht einen Friseurbesuch, schminkt und putzt sich diskret raus und unterzieht auch den Junggesellenhaushalt ihres Arbeitgebers einer kosmetischen Behandlung, inklusive fingierten Hochzeitsfotos. Statt ihre emsigen Verrichtungen zu zeigen, nimmt die Kamera von Barbara Alvarez lediglich die Veränderungen auf und gibt sich dabei genauso starr und stoisch wie die Helden, denen sie mit keiner Bewegung entgegen kommt. Einer der Regisseure vergleicht seinen Film mit einem Kinderbuch mit großen Bildern und sehr wenig Text, und in der Tat folgen die Bilder und Szenen aufeinander wie die Seiten eines Buches, in dem man nach dem Umblättern immer neue Kleinigkeiten entdeckt.

Gerade als Jacobo die Angelegenheit als beendet betrachtet, schlägt sein Bruder vor, noch eine Reise ans Meer zu machen. In dem nun folgenden kleinen Road Movie kommt ein wenig Licht und Luft in die Geschichte, der sich Jacobo beharrlich sperrt. So ungerührt und muffig, wie er allen Entwicklungen begegnet, nimmt er auch einen ziemlich spektakulären Gewinn im Hotelcasino hin, und obwohl am Ende alles gesagt und gezeigt scheint, hat es dieses kleine Filmjuwel am Schluss geschafft, eine Fülle von Geheimnissen zu bewahren.           

Anke Sterneborg

In ihrer wunderbar lakonischen Erzählung aus dem schlichten Alltag eines Sockenfabrikanten destillieren zwei junge Regisseure aus Uruguay die Geheimnisse und die feine Komik aus konzentrierten und ruhigen Beobachtungen kleinster Veränderungen.

Whisky
Uruguay/Argentinien/Deutschland 2004. R: Juan Pablo Rebella, Pablo Stoll. B: Juan Pablo Rebella, Pablo Stoll, Konzalo Delgado Galiana. P: Fernando Epstein. K: Barbara Alvarez. Sch: Fernando Epstein. M: Pequeña Orquesta Reincidentes. T: Catriel Vildosola, Daniel Yafalian. A: Delgado Galiana. Pg: Control-Z/Rizoma/Pandora. V: Pandora. L: 94 Min. Da: Andrés Pazos (Jacobo Köller), Mirella Pascual (Marta Acuña), Jorge Bolani (Herman Köller).

epd Film 5/2005



Start: 5.5. (D)


 


 


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