Der britische Schauspieler John Mills ist gestorben


  

Über das Tanztheater kam er zum Film, nachdem Regisseur Noël Coward ihn 1929 bei einer Tournee in Singapur auf der Bühne entdeckte. Dabei schätzte der am 22.02.1908 geborene John Mills das Reisen nie so sehr. Er war Brite durch und durch, im Leben wie vor der Kamera. Der Ruhm bei den Landsleuten war ihm wichtiger als der große Durchbruch in Hollywood. Unnachahmlich verkörperte er britisches Understatement, stärker als die berühmteren Zeitgenossen Laurence Olivier oder Alec Guinness. Und anders als ihnen blieb Mills der weltweite Starruhm überwiegend verwehrt. In Großbritannien wird er allerdings geliebt wie kaum ein anderer Schauspieler. Nach seinen ersten Filmen in den dreißiger Jahren kam er zum Old Vic-Theater in London, wo ihm eine Karriere als Hauptdarsteller in Shakespeare-Dramen bevorstand. Aber stattdessen wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und nach der gesundheitsbedingten Ausmusterung unterstützte er die Armee weiter, als heldenhafter Soldat in Propagandafilmen wie “In Which We Serve” (1942). Aber schon bald wurden seine Figuren vielseitiger, gebrochener.

Vor allem die Zusammenarbeiten mit Regisseur David Lean markierten Höhepunkte seiner Laufbahn: 1946 überzeugte Mills in einer frühen Charakterrolle als Pip in der Dickens-Verfilmung “Great Expectations”, doch seinen einzigen Oscar erhielt er 1971 ausgerechnet für die Nebenrolle als stummer Dorftrottel in “Ryan’s Daughter”. Nachdem er 1976 zum Ritter geschlagen wurde, verkörperte Sir John Mills 1982 den Vizekönig Lord Chelmsford in Richard Attenborough’s “Gandhi”, bevor er zunehmend als Nebendarsteller oder mit Cameoauftritten in Szene gesetzt wurde.

In Bezug auf Mills‘ Familie kann man nahezu von einer Film- und Fernsehdynastie sprechen: Seine drei Kinder aus zweiter Ehe mit der Autorin und Schauspielerin Mary Hayley Bell - Juliet, Hayley und Jonathan - traten in die Fußstapfen des Vaters. Die beiden Töchter spielten in erster Linie in Fernsehfilmen (Juliet hatte immerhin eine große Kinorolle in Billy Wilder’s “Avanti, avanti”), während Jonathan Mills unter anderem eine Film-Dokumentation über seinen Vater schrieb. Enkelsohn Crispian Mills feierte zuletzt als Sänger Charts-Erfolge, mit seiner psychedelischen Pop-Band “Kula Shaker”.

In einem seiner letzten Kinofilme trat John Mills, mittlerweile fast blind und taub, als alter Norweger in Kenneth Brannagh’s Hamlet-Adaption von 1996 auf. Am 23. April, dem vermuteten Geburtstag und sicheren Todestag von William Shakespeare, verstarb John Mills, im Alter von 97 Jahren in Denham bei London. 

Maik Bierwirth

epd Film 5/2005


 


 


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