Nachbarinnen
Dora geht grau in braun, ihr Haarschnitt ist eine Attacke auf alles, was wächst. Schmal, unnahbar und bis zur Mitleidlosigkeit korrekt liefert die Mittvierzigerin in einem Vorstadtviertel von Leipzig Pakete aus. Nach dem Dienst zieht sie sich in ihre Plattenbauwohnung zurück und schrubbt ihre Kakteen mit einer Spülbürste. Doras Mann gilt als vermisst, aber ihre Freude und Nachbarn wissen es besser. Wenn Dora sich einen Wutausbruch gestattet, weil das Bett ihres untreuen Mannes sie angähnt wie ein offenes Grab oder ihre verheiratete Schwester sie als Babysitterin ausnutzt, wickelt sie drei überflüssige Gläser in eine Plastiktüte, steckt sie zusätzlich in einen Einkaufsbeutel und zerdeppert sie in der Spüle: Bloß keine Scherben sehen, nur nicht die Überbleibsel des Zerbrochenen vom Boden aufklauben müssen. Dagmar Manzel entwirft in der Rolle der kontrollsüchtigen Dora das Psychogramm einer Selbstverleugnung, die schon an Abwesenheit grenzt. In der peinlich sauberen Wohnung nimmt sich Doras steife Gestalt beinahe wie ein Kaktus auf zwei Beinen aus. Nur ihr langjähriger Nachbar Connie hat Dora anders in Erinnerung und gibt es nicht auf, ebenso schüchtern wie hartnäckig um sie zu werben.
Heike Kühn Franziska Meletzky ist nicht der Versuchung erlegen, Leipzig in Hollywood anzusiedeln, und ihr Film hat dabei nur gewonnen: von der liebevoll rekonstruierten Ausstattung bis zur poetischen Dimension einer zwischen Not und Neurosen aufblühenden Liebesgeschichte. Deutschland 2004. R: Franziska Meletzky. B: Elek Rössler. P: Ernst Ludwig Ganzert, Wolfgang Tumler, Anke Hartwig, Jan Philip Lange, Niklas Bäumer. K: Alexandra Czok. Sch: Jürgen Winkelblech. M: Eike Hosenfeld, Moritz Denis. T: Tino Degen. A: Markus Schröder, Ingrid Ziegler. Ko: Andrea Schein. Pg: Eikon/Junifilm/HFF „Konrad Wolf“/RBB. V: Salzgeber. L: 92 Min. FSK: ohne Altersbeschränkung. Da: Dagmar Manzel (Dora), Grazyna Szapolowska (Jola), Jörg Schüttauf (Conny), Berndt Stübner (Bernd), Ramona Libnow (Gabi), Helge Lang (Marklein), Detlef Kapplush (Humm). Start: 28.4. (D) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Nachbarinnen von Franziska Meletzky erzählt eine alltägliche Geschichte von Zurückweisung und verpassten Chancen, vom Eingebundensein in soziale Zusammenhänge und Zwänge, die zwischen Herzlichkeit und Blockwartmentalität changieren. Ambivalenz zeichnet alle Figuren aus, die sich in dem steinernen Koloss vor Leipzigs Toren ein feuchtwarmes Biotop geschaffen haben, dessen Zentrum in Bernds Kneipe, genannt „Das Bernds“ liegt. Von der putzwütigen Hausmeisterin, die eine verschmähte Liebe zum flotten Bernd täglich mit dem Wischlappen auf die Knie zwingt, bis zum bärchenhaft gutmütigen Schrauber Connie, der einen abgewrackten Nobelschlitten restauriert, aber keine Reifen für seinen festgefahrenen Traum hat, bewegen sich alle Charaktere exakt auf jenem schmalen Grad von Sympathie und Lächerlichkeit, der für die Sensibilität und Menschenkenntnis eines guten Drehbuchs spricht. Dazu passt, dass der Aufruhr, der die zementierten Verhältnisse ins Wanken bringen muss und den Film von der widerborstigen Komödie zur liebevollen Tragödie führt, nicht weit hergeholt ist: In Bernds Kneipe arbeitet illegal und von allen umworben die nicht mehr junge, aber sinnliche Polin Jola. Eines Tages fällt ein Schuss und Bernd bleibt blutend zurück. Jola glaubt, den aufdringlichen Kneipier in einem Handgemenge erschossen zu haben, und flüchtet sich in Doras Wohnung. Dora nimmt sie widerwillig auf. Aus Doras Misstrauen gegenüber der rot gewandeten Lebefrau wird offene Ablehnung, als Jola beginnt, ihre knappen Dessous in der Wohnung zu verteilen, doch schon bald beginnt die Farbe Rot zu wirken. Dora verliebt sich in die erfahrene Jola. Was aber, wenn Jola erfährt, dass Bernd lebt? Der Film hätte das Potenzial, in eine psychopathische Umarmung von Verdrängung und Schuld umzukippen, aber auch hier beweist die Regisseurin einen Sinn für die Strapazierfähigkeit von Metaphern.