Maria voll der Gnade
Am Anfang weiß Maria nur, was sie nicht will: mit einem Loser in einem kolumbianischen Provinzkaff versauern, dessen pittoreske Tristesse nur von samstäglichen Fiestas mit Salsa und viel Aguardiente unterbrochen wird. „Liebst du mich?“, fragt die schwangere 17-Jährige den laschen Kindsvater inquisitorisch und beschimpft ihn wüst, als er ihr, weil es sich eben so gehört, die Heirat anbietet. Kurz zuvor hat sie im Streit mit dem Aufseher ihren Job in einer Blumenplantage geschmissen, in der sie im Akkord die Dornen von langstieligen Rosen abstreifen musste. Um zu erkennen, was sie will, muss sie jedoch denselben Weg gehen wie die Rosenbouquets: nach einem lebensgefährlichen Flug landet sie, zusammen mit anderen befreundeten „Maultieren“ in den USA und trägt, neben dem Ungeborenen, 62 Päckchen Heroin im Bauch. 1.830 Dollar beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen in Kolumbien; 5.000 Dollar ist der übliche Tarif für den Transport der Ware, die, gestreckt und in Briefchen abgepackt, auf den Straßen New Yorks 350.000 Dollar wert ist. Doch letztere Information findet sich nur im Presseheft, denn es geht Debütregisseur Joshua Marston nicht darum, die horrenden Gewinnspannen des Drogenhandels aufzuzeigen – wie es sein Vorbild Ken Loach vielleicht getan hätte. Und versuchte Steven Soderbergh mit Traffic eine quasi enzyklopädische Übersicht auf das Narco-Business, so dreht Marston, sowohl geografisch wie geistig, das Fernglas um. Mit Maria bekommt das schwitzende Fußvolk des globalen Drogenschmuggels ein in jeder Hinsicht menschliches Gesicht. Denn der Teenager, ein Opfer zwar, aber nicht unschuldig, sieht seinen Trip als Sprungbrett in ein besseres Leben. Inmitten des albtraumhaften Abenteuers in der Fremde durchlebt Maria eine „éducation sentimentale“ im Zeitraffer.
Birgit Roschy Mit nüchterner, dokumentarischer Genauigkeit schildert der Film die menschlichen Hintergründe des Drogenschmuggels: Ein kolumbianischer Teenager lässt sich zusammen mit anderen Frauen als „Maultier“ anheuern und fliegt, mit 62 Heroinpäckchen in den Eingeweiden, nach New York. Der katastrophale Ausgang des Unternehmens wird für Maria eine Chance zum Neuanfang. Start: 21.4. (D) Maria Full of Grace epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Von Anfang an wird die Macht des Faktischen so detailgenau und ausführlich geschildert, dass es unmöglich ist, nicht für Maria Partei zu ergreifen. Dabei unterläuft Marstons dokumentarisch-anthropologischer Ansatz alle Elendsklischees und zeigt etwa, dass die Lage in Marias kolumbianischer Heimat zwar hoffnungslos, aber nicht verzweifelt ist, die Hintermänner routiniert, nicht bösartig sind. Die Nüchternheit eines „business as usual“ erstreckt sich aber auch auf die körperlichen Qualen der Drogenkurierin, die so lange beim Versuch beobachtet wird, die Latexpäckchen mit dem Stoff die Kehle hinunterzuschieben, bis man mitwürgt. Denn Maria ist eben keine, die alles schluckt: Die für den Oscar nominierte Darstellerin Catalina Sandino Moreno erdet diese hochsymbolische Figur, die trotz des Filmplakates, in dem ihr die tödlichen Päckchen wie eine Oblate beim Abendmahl gereicht werden, nichts Blasphemisches an sich hat. Vielmehr fehlt der latent rebellischen Maria genau jene hingebungsvolle Demut, die sie befähigen würde, ihr Leben in einer Sackgasse zu ertragen – oder sich von Dealern einschüchtern zu lassen.
Und während Marias dumpfe Bockigkeit sich in Mut und Selbstvertrauen verwandelt, erweist sich ihre Geschichte letztlich als unprätentiöse Hommage an Immigranten, die vieles „fressen“ mussten, um anzukommen. Eine kleine Schlüsselrolle spielt Orlando Tobón, Wortführer der kolumbianischen Gemeinde in New York, der allein durch seine jahrzehntelange inoffizielle Vermittlertätigkeit zwischen Polizei, Drogenkurieren und deren Familien die Regierungs-Rhetorik des „Kriegs gegen Drogen“ als verlogen entlarvt. 