Zum Andocken

Das Programm auf dem 30. Kirchentag

Rudolf Worschech

Eine wahre Geschichte - The Straight Story
© Verleih

Eine gute Tradition: Seit 1979, also einem runden Vierteljahrhundert schon, wird der Kirchentag von einem Filmprogramm begleitet. Kino auf dem Kirchentag: das war manchmal einem Regisseur – wie Ingmar Bergman – gewidmet, manchmal auch Themen wie „Bilder Mythen Movies“ (1995, in Hamburg). Das diesjährige Programm steht, wie  der gesamte  Evangelische Deutsche  Kirchentag, der vom 25. bis 29. Mai in Hannover stattfindet, unter dem Motto „Wenn dein Kind dich morgen fragt ...“.

Es sind Filme, meist aus den letzten beiden Jahren, die sich der Frage nach Orientierung, in dem bei Moses entlehnten Motto, aus ganz verschiedenen Richtungen nähern. Es sind Filme, die in unseren Kinos gelaufen sind, aber auch Filme, die vielleicht nicht jeder gesehen hat. Es sind Filme darunter, die auf Festivals von evangelischen und ökumenischen Jurys ausgezeichnet wurden, aber auch solche, die unbeachtet blieben. Das Programm hat zwei Säulen: zum einen Arbeiten, die sich offen dem im Kino manchmal schwierigen Thema Spiritualität stellen. In Deinen Händen etwa von Annette Olesen (2003), in dem eine Gefängnispfarrerin sich tagtäglich den Fragen von Schuld und Vergebung stellt und dann, als sie ein behindertes Kind erwartet und sich die Frage stellt, ob sie die Schwangerschaft abbrechen soll, auch mit ihrem Glauben ringt. Oder The Return von Andrej Svajaginzev, der Templeton-Filmpreisträger des Jahres 2004, bei uns im Kino leider vollkommen untergegangen. Die Auseinandersetzung zwischen einem Vater und seinen Söhnen hat in diesem Film, mit dem sich das russische Kino machtvoll zurückmeldet, immer auch etwas Mehrdeutiges, Transzendentes.

Zum anderen beschäftigen sich die Filme ganz konkret mit sozialen Themen, mit dem Dialog und den Konflikten zwischen den Generationen, mit Flucht und Asyl vor dem Hintergrund des – auch auf diesem Kirchentag als Thema präsenten – Prozesses der Globalisierung wie Michael Winterbottoms In This World (2002). Wichtig war den Machern des Programms die ethische Dimension der Filme. „Unser Programm soll zentrale Fragen, mit denen wir uns heute beschäftigen, zur Sprache und ins Bild bringen“, sagt Julia Helmke, Leiterin der Abteilung Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste in Hannover, die am Programm mitgearbeitet hat. „Und die decken sich mit den thematischen Fragestellungen des diesjährigen Kirchentages: Wie können wir leben? Wie sollen wir leben? Und wie können wir handeln?“

Bewusst werden die Filme, anders als in manchen vergangenen Jahren, nicht etwa in einer Kirche oder Messehalle, sondern in zwei Kinos präsentiert, dem Kino im Künstlerhaus und dem Kino am Raschplatz. Integraler Bestandteil des Programms sind die Gespräche nach dem Film, mit Filmexperten, aber auch mit Fachleuten zu den in den Filmen behandelten Themen. Nach der Vorführung von Kroko etwa wird sich nicht nur die Regisseurin Sylke Enders der Diskussion stellen, sondern auch eine Vertreterin der DGB-Jugend und ein Mitarbeiter des Landesjugendpfarramts. Die Programmgestalter konnten dabei an ihre bisherige Zusammenarbeit mit den Kinos anknüpfen. „Es war eine wunderbare Zusammenarbeit zwischen Kino- und Kirchenleuten“, betont Pastor Dietmar Adler, der zusammen mit Pastor Dirk von Jutrczenka und den Kino-Leitern Sigurd Hermes und Torsten Gladrow die Filme zusammengestellt hat. Seit Mai letzten Jahres zeigt das Kino im Künstlerhaus in einer ebenfalls von Adler und Hermes konzipierten Pre-Event-Reihe zum Kirchentag  einmal im Monat einen Film. Da liefen in den letzten Monaten etwa Central Station von Walter Salles, Mein Leben ohne mich von Isabel Coixet, Volker Koepps Herr Zwilling und Frau Zuckermann oder Ponette von Jacques Doillon.

„Mehr als bei der Pre-Event-Reihe wollen wir beim Kirchentagsprogramm auch die ästhetische Dimension der von uns ausgewählten Filme herausstellen“, sagt Adler. „Die Filme des Programms sollen Ethisches und Ästhetisches zusammenbringen.“ Es sollen Filme zum Andocken sein. „Provokation stand dabei nicht im Vordergrund”, fügt Helmke an, „dennoch bringen diese Kunstwerke durch ihre filmische Eigenart etwas Herausforderndes mit sich, stellen Fragen an uns und bieten keine einfachen Antworten. Und das ist gerade für unsere protestantische Tradition wichtig, die wir doch leicht uns gleich auf den Inhalt konzentrieren, ihn verstehen wollen und dem ästhetisch Fremden, den Bildern mit ihrer Mächtigkeit wenig Raum geben.“

Das Programm

26.5., 17 Uhr „Sinn und Sinnlichkeit –  Kirche und Film“
                       Auftakt-Gesprächsveranstaltung.  Kino am Raschplatz.

26.5., 19 Uhr The Return Andrej Svjaginzew, Russland 2003.  Kino im Künstlerhaus.

26.5., 19 Uhr In This World,  Michael Winterbottom, GB 2002.  Kino am Raschplatz.

27.5., 19 Uhr 7 Brüder, Sebastian Winkels, BRD 2003. Kino im Künstlerhaus.

27.5., 19 Uhr Kroko, Sylke Enders, BRD 2003. Kino am Raschplatz.

28.5., 19 Uhr In Deinen Händen Annette Olesen, Dänemark 2003. Kino im Künstlerhaus.

28.5., 19 Uhr Es beginnt heute,  Bertrand Tavernier, F 1998.  Kino am Raschplatz.

Open Air Kino:

26.5., 22.15 Uhr Vaya con dios Zoltan Spirandelli, BRD 2001

27.5., 22.15 Uhr Eine wahre Geschichte – The Straight Story, David Lynch, 1999

28.5., 22.15 Uhr Buena Vista Social Club, Wim Wenders, 1999

                             alle: Innenhof des Künstlerhauses.

epd Film 5/2005

           


 


 


epd Film Abonnement



© epd Hinweis zum Urheberrecht