Kinsey
Mit Gods and Monsters hat Bill Condon einen Film über die letzten Tage des schwulen Frankenstein-Schöpfers James Whale gedreht. Mit seinem neuen Biopic verfolgt er die sexual politics weiter.
Dr. Alfred Kinsey hat mit seinen Masseninterviews zur Sexualität die Unmoral wissenschaftlich legitimiert und erst richtig angeheizt – so das Verdikt der religiösen Rechten in den USA, die im Kulturkampf der zweiten Bush-Amtszeit und fast 60 Jahre nach der Veröffentlichung von Kinseys „Sexual Behavior in the Human Male“ im Jahre 1947 sogar posthum den Überbringer der Botschaft steinigen möchten. Und sie haben Recht, denn dieser erste „Kinsey-Report“, nach dem die Hälfte aller Ehemänner Affären, 37 Prozent homosexuelle Erfahrungen haben und 92 Prozent masturbieren, ließ nur die logische Schlussfolgerung zu, dass so viel allgemein verbreitete Sünde keine ist. Schon deshalb, weil sonst laut herrschender Lehrmeinung 92 Prozent aller Männer blind oder verrückt wären. „Wie eine Atombombe“ schlug bereits im Urteil der Zeitgenossen der Bestseller ein – doch echte Probleme bekam der Forscher erst mit seinem zweiten Report über weibliche Sexualität, der aus guten Gründen viel vehementer bekämpft wurde. Diese Filmbiografie beschäftigt sich jedoch kaum mit den Folgen von Kinseys Studien, sondern konzentriert sich auf den Forscher und dessen engstes Umfeld. Dabei lässt sie aber keinen Zweifel daran, dass Kinsey in der vermeintlich spießigen Nachkriegszeit der rechte Mann zur rechten Zeit war, dem die Türen zunächst bereitwillig offen gehalten wurden. Der Biologe, der sein Forschungsgebiet von kopulierenden Gallwespen auf das Verhalten geschlechtsreifer Menschen ausweitete, verzeichnete mit seinen zunächst als Eheberatung für Studenten deklarierten Kursen durchschlagenden Erfolg. Und seine Vorträge, bei denen er voll aufklärerischem Gestus Dias mit eregiertem Penis und Monster-Vagina an die Wand warf, lassen nicht nur die Kursteilnehmer nach Luft schnappen. Die Inbrunst eines Neukonvertierten prägt diesen Charakter, dem Liam Neeson charismatische und tragikomische Züge verleiht. Mit seinem Bürstenhaarschnitt, entrücktem Gesichtsausdruck und Verschrobenheiten ist der Wissenschaftler der „Nerd“ par excellence, dessen empirischer Tunnelblick ihn erst zu seinen Tabubrüchen befähigt. Es ist fast ein Kunststück, wie Regisseur Bill Condon jede Schlüpfrigkeit vermeidet, wenn Kinsey den Schritt von der Theorie zur Praxis wagt und betont leidenschaftslos eine Affäre mit seinem bisexuellen Assistenten Clyde beginnt. Und wenn derselbe Clyde dem Ehepaar Kinsey mitteilt, nun mit Mrs. Kinsey ins Bett gehen zu wollen und diese bedächtig antwortet „Maybe I would like that“ – dann ist das Grinsen im bisher unbewegten Gesicht von Laura Linney ebenso unbezahlbar wie Kinseys Verblüffung. En miniature wird in Kinseys Sexualforschungs-Institut bereits zu Anfang der fünfziger Jahre die „sexuelle Befreiung“ samt Risiken und Nebenwirkungen durchexerziert, mit ihrem Terror der Intimität, der unüberwindlichen Eifersucht und unvermeidlichen Ehekrächen. Der zunehmend unduldsamere Kinsey gerät als umgedrehter Puritaner schließlich in die Nähe eines eifernden „Sex-Gurus“, der auch bei liberalen Gönnern Kopfschütteln erzeugt. Man vermisst einiges in diesem Film – nicht nur den stärkeren Bezug auf den zweiten Kinsey-Report, sondern auch auf den Vorwurf von Päderastie und Vergewaltigung, mit dem Kinsey damals wie heute verleumdet wurde. In einem Nebensatz wird der berüchtigte FBI-Chef Edgar Hoover erwähnt, der gegen Kinsey hetzte, weil dieser sich weigerte, Homosexuelle zu denunzieren. Diese Information kann aber nur gebührend goutieren, wer weiß, dass Hoover selbst panisch sein Schwulsein verbarg. Doch Bill Condon, der sich bereits in seinem gefeierten Filmdrama Gods and Monsters als Meister subtiler Zwischentöne erwies, will seine Botschaft von sexueller Toleranz und Freiheit nicht mit Pauken und Trompeten verkündigen. Sein Schlüssel zum Erfolg ist sein distanzierter, aber sympathisierender Humor, mit dem er seine irrlichternden Aufklärer beobachtet – wobei die aufgesetzte Libertinage dieser verkopften Wissenschaftler, die beim Cocktail über Partnertausch plaudern, zugleich rührend und herrlich komisch ist und gelegentlich an die Monty Pythons oder an Episoden aus Woody Allens Was Sie schon immer über Sex wissen wollten erinnert. Birgit Roschy Amüsante Filmbiografie über den Sexualforscher Alfred C. Kinsey. Im hervorragenden Ensemble brilliert besonders Liam Neeson als umgedrehter Puritaner, der voll wissenschaftlichem Elan die Büchse der Pandora menschlicher Sexualität öffnet und dessen aufklärerische Haltung selbst in die Nähe einer Ideologie gerät. Kinsey epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Es ist geradezu ein Treppenwitz der Zeitgeschichte, dass dieser abtrünnige Sohn eines grimmigen Puritaners mit demselben brachialen Furor und Fanatismus, mit dem sein Vater (und heutige Fundi-Christen in den USA) die Sünde verdammte, nun Sodom & Gomorrha erst recht ans Licht zerrte und zum schuldfreien Garten Eden umdefinierte. Wie sehr seine damals neuartigen anonymisierten Interviews, die mit den ersten Computern ausgewertet wurden, einer intimen Beichte glichen, wird gleich zu Beginn deutlich, wenn Kinsey in einem Probeinterview die Rolle des Befragten übernimmt und seine schwierige Kindheit rekapituliert.
Was auf hiesige Zuschauer oft wie ein lakonisch amüsantes Boulevard-Stück über dunkle Zeiten anmuten mag, ist für ein Publikum in den USA, wo Kinsey bereits neben Michael Moores Dokumentarfilm als politischster Film des letzten Jahres gilt, aber von neuer Brisanz. Vielleicht auch deshalb, weil Condon die Erwartungen unterläuft und weder ausufernde Sexszenen zeigt noch laute Anklagen formuliert und schon gar nicht moralinsauer wird. Stattdessen, und das ist wohl die subversivste Idee, deutet sein provozierend entspannter Film am Ende die Möglichkeit einer neuen, humaneren Moral und einer Rehabilitation der Liebe an, welche die allein seligmachende Missionarsstellung längst hinter sich gelassen hat – aber die auch mehr ist als Kinseys mechanistisches Verständnis von „Reibung und Spaß“. Ob Kinsey, der mit 62 Jahren starb, das auch so sah, ist fraglich, aber dann ist es gut erfunden. 